Heimliche Tränen

Sebastian, mein leiblicher Sohn, war nie eifersüchtig. Als wir damals ins Kinderdorf gezogen sind, war er 2 ½ Jahre alt und er hatte nie ein Problem damit, seine Mutter teilen zu müssen, vielmehr hat er es immer genossen, mit anderen Jungen und Mädchen zusammen aufzuwachsen. Auch jetzt, als es ihm gar nicht gut ging, wollte er lieber im Kinderdorf bleiben anstatt das Wochenende mit mir alleine zu verbringen, und geweint hat er heimlich.

Eintrag vom 8.5.08

Seit Wochen schon haben wir auf den Brief des Gymnasiums gewartet, an dem wir Sebastian angemeldet hatten. Natürlich wussten wir, dass es schwierig werden würde – auf 70 Plätze kamen mehrere hundert Anmeldungen. Aber warum sollten wir nicht Glück haben?
Nun kam letzte Woche die Absage. Das Gymnasium ist das einzige im Ort, es gibt noch ein anderes, das aber mit längeren Fahrzeiten verbunden ist. Dort wollte Sebastian auf keinen Fall hin, da er dann nicht mehr in seinen Fußball-Verein gehen könnte, der ihm so wichtig ist. Also wird er nun stattdessen die Hauptschule besuchen. Sebastian war am Boden zerstört und sah seinen dringenden Berufswunsch, Journalist zu werden, in weite Ferne gerückt.

Abends saßen wir dann zu Zweit auf der Terrasse und haben alle Möglichkeiten durchgespielt. Die Hauptschulen in Österreich sind nicht schlecht (Realschulen wie in Deutschland gibt es nicht), und Sebastian hat immer noch die Möglichkeit, später aufs Gymnasium oder an die Handelsakademie zu wechseln.

Eine andere Sicherheit
Er war in diesen Tagen sehr anlehnungsbedürftig und hat viel Trost gebraucht. Als nun seine Schulklasse nach München zu einer Aufzeichnung der Sendung „1, 2 oder 3“ eingeladen wurde, war das eine Ablenkung zum richtigen Zeitpunkt. Und ausgerechnet mein Sohn war eines der drei Kinder, die die Fragen des Moderators beantworten sollten. Er war sehr nervös, aber am Ende hat er gestrahlt, weil alles gut geklappt hat.

Unwillkürlich drängt sich mir der Vergleich mit meinen anderen Kindern auf, die ja alle immer wieder in tiefe Löcher fallen. Oft dauert es sehr lange, bis es ihnen wieder gut geht, denn auch, wenn die Kinder schon einen großen Teil ihres Lebens im Kinderdorf verbracht haben und mit Liebe großgezogen werden, sind doch in den ersten Lebensjahren Dinge kaputtgegangen, die kaum zu reparieren sind. Das ist bei Sebastian anders: Er hat eine andere Sicherheit, eine emotionale Stabilität.

Und so kommt er allmählich wieder aus seiner Krise heraus.

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