Archiv für Mai 2008

Daumen drücken!

Blogeintrag 29.05.08Wenn man sechs Kinder hat, tauchen solche Tage unvermeidlich auf: Alles passiert zur gleichen Zeit, jeder hat an so einem Tag einen wichtigen Termin und garantiert ist nichts zu verschieben.

Heute hatten Sebastian und Dennis, die beiden großen Buben, das Fahrrad mit zur Schule genommen, weil sie dort für den Fahrradführerschein, der übermorgen von der Polizei abgenommen wird, geübt haben. Also musste jemand zum Abholen kommen, denn alleine dürfen sie noch nicht nach Hause radeln. Gleichzeitig waren aber die anderen Kinder zu versorgen und wollten ihr Mittagessen bekommen, ich hatte einen wichtigen Telefontermin und mit Jacqueline und Dennis musste ich zum Augenarzt.

Was tun? Eine Praktikantin aus dem Kinderdorf hatte Zeit den Fahrrad-Dienst zu übernehmen, Dennis hat, kaum zu Hause, schnell etwas gegessen, währenddessen habe ich telefoniert und anschließend sind wir zum Arzt durchgestartet – irgendwie geht es ja dann doch immer.

Aber ich weiß jetzt schon, dass bis die Kinder im Juli in die Ferien fahren, wohl noch einige dieser Tage auf mich zukommen werden. Es sind Impfungen aufzufrischen, manche der Kinder müssen noch mal zum Zahnarzt gehen und einiges mehr.

Lieber cool als korrekt
Die Fahrradprüfung ist für Sebastian und Dennis übrigens eine große Sache. Sie müssen eine theoretische Prüfung ablegen und einen Parcours durch den Ort bewältigen. Wenn sie bestehen, bekommen sie einen Führerschein mit ihrem Foto, der es ihnen erlaubt, schon mit zehn anstatt erst mit zwölf Jahren alleine im Straßenverkehr zu radeln. Die Kinder müssen den Führerschein immer bei sich tragen und können tatsächlich mit Kontrollen rechnen.

Die Beiden sind schon ganz aufgeregt und lernen eifrig. Sie wollen die Prüfung unbedingt schaffen. Ganz einfach wird es aber nicht: Sebastian leidet hin und wieder an Prüfungsangst, die könnte ihm im Weg stehen. Und Dennis war beim Radfahren bisher doch eher recht draufgängerisch, da war es viel wichtiger, cool zu sein als auf den Verkehr zu achten. Und was Prüfungen angeht, kenne ich von ihm hauptsächlich die Verweigerungshaltung. Aber jetzt hat auch ihn der Ehrgeiz gepackt.

Ich drück den Beiden die Daumen!

Grenzerfahrung

Ob Dennis genau so begeistert wäre, wenn er wüsste, was auf ihn zukommt? In den Sommerferien wird er mit einer Gruppe von acht, neun Kindern und zwei Betreuern zu Fuß von Bozen ins SOS-Feriencamp Caldonazzo in Norditalien laufen. Die Wanderung wird gut eine Woche dauern. Bereits in den nächsten Tagen trifft sich die Gruppe zu ersten Vorbereitungen, denn auch die Organisation soll in ihrer Hand liegen: Was packe ich in den Rucksack? Besteck, Taschenlampe, Schlafsack… Und wie viele T-Shirts brauche ich wirklich? Schließlich muss ich das ganze Gepäck Tag für Tag auf dem Rücken schleppen.

Bevor es im Sommer ernst wird, werden sich die Kinder – alle im Alter von zehn Jahren und aufwärts – noch einige Male zusammensetzen und auch mal ein Probewochenende in der Nähe des Kinderdorfs in Zelten verbringen.

Blogeintrag 14.5.2008

Dennis freut sich riesig auf die Wanderung und träumt schon vom großen Abenteuer, das er bestimmt erleben wird, aber genauso sicher wird er auch an seine Grenzen kommen, was ich gut finde. Durch sein Verhalten in den letzten Monaten ist er mehr und mehr zum Außenseiter geworden. „Ich kann alles, ich weiß alles!“ – mit dieser Haltung findet man nicht gerade viele Freunde. Nun muss er sich in der Praxis beweisen und das in vielerlei Hinsicht: Jeden Tag werden die Kinder ein gutes Stück laufen müssen, egal, ob es regnet oder die Sonne vom Himmel brennt. Sie müssen selbständig Feuer machen, für ihr Essen sorgen und nachts ohne Familie in einer unbekannten Gegend in Zelten übernachten.

Dennis tut ja immer so stark, aber dahinter stecken viele Ängste, die sicher hochkommen werden. Und er wird sich in eine Gruppe einfügen und mit den anderen kooperieren müssen, was ihm gar nicht leicht fällt. Er lässt sich kaum was sagen und hat wenig Respekt, egal, ob ihm ein Kind oder ein Erwachsener gegenübersteht. Ein anderer Junge wird mit dabei sein, mit dem Dennis immer mal wieder für eine Stunde spielt, bis die beiden garantiert zu raufen beginnen; keine Ahnung, wie sie sich während der Tour arrangieren. Ich bin nur froh, dass die beiden Betreuer sehr gut ausgebildet sind und mit solchen Situationen umgehen können.

So sehe ich diese Wanderung für Dennis vor allem als Chance: sich zu überwinden, Selbstvertrauen zu finden und sich als Teil einer Gruppe zu erleben. Ich bin gespannt!

Heimliche Tränen

Sebastian, mein leiblicher Sohn, war nie eifersüchtig. Als wir damals ins Kinderdorf gezogen sind, war er 2 ½ Jahre alt und er hatte nie ein Problem damit, seine Mutter teilen zu müssen, vielmehr hat er es immer genossen, mit anderen Jungen und Mädchen zusammen aufzuwachsen. Auch jetzt, als es ihm gar nicht gut ging, wollte er lieber im Kinderdorf bleiben anstatt das Wochenende mit mir alleine zu verbringen, und geweint hat er heimlich.

Eintrag vom 8.5.08

Seit Wochen schon haben wir auf den Brief des Gymnasiums gewartet, an dem wir Sebastian angemeldet hatten. Natürlich wussten wir, dass es schwierig werden würde – auf 70 Plätze kamen mehrere hundert Anmeldungen. Aber warum sollten wir nicht Glück haben?
Nun kam letzte Woche die Absage. Das Gymnasium ist das einzige im Ort, es gibt noch ein anderes, das aber mit längeren Fahrzeiten verbunden ist. Dort wollte Sebastian auf keinen Fall hin, da er dann nicht mehr in seinen Fußball-Verein gehen könnte, der ihm so wichtig ist. Also wird er nun stattdessen die Hauptschule besuchen. Sebastian war am Boden zerstört und sah seinen dringenden Berufswunsch, Journalist zu werden, in weite Ferne gerückt.

Abends saßen wir dann zu Zweit auf der Terrasse und haben alle Möglichkeiten durchgespielt. Die Hauptschulen in Österreich sind nicht schlecht (Realschulen wie in Deutschland gibt es nicht), und Sebastian hat immer noch die Möglichkeit, später aufs Gymnasium oder an die Handelsakademie zu wechseln.

Eine andere Sicherheit
Er war in diesen Tagen sehr anlehnungsbedürftig und hat viel Trost gebraucht. Als nun seine Schulklasse nach München zu einer Aufzeichnung der Sendung „1, 2 oder 3“ eingeladen wurde, war das eine Ablenkung zum richtigen Zeitpunkt. Und ausgerechnet mein Sohn war eines der drei Kinder, die die Fragen des Moderators beantworten sollten. Er war sehr nervös, aber am Ende hat er gestrahlt, weil alles gut geklappt hat.

Unwillkürlich drängt sich mir der Vergleich mit meinen anderen Kindern auf, die ja alle immer wieder in tiefe Löcher fallen. Oft dauert es sehr lange, bis es ihnen wieder gut geht, denn auch, wenn die Kinder schon einen großen Teil ihres Lebens im Kinderdorf verbracht haben und mit Liebe großgezogen werden, sind doch in den ersten Lebensjahren Dinge kaputtgegangen, die kaum zu reparieren sind. Das ist bei Sebastian anders: Er hat eine andere Sicherheit, eine emotionale Stabilität.

Und so kommt er allmählich wieder aus seiner Krise heraus.

Wofür wir arbeiten

Wir kommen ins Fernsehen. Letzte Woche hat ein Team des Österreichischen Rundfunk bei uns im Kinderdorf gedreht, um festzuhalten, wie „Hermann Gmeiners Erben“ (so der Titel der Sendung) die Kinderdorf-Idee heute weiterführen.

Blogeintrag 3.5.08

Eine Kinderdorf-Mutter wurde gefilmt, die regelmäßig ins Fitness-Studio geht, das gab es vor 60 Jahren, als das erste Kinderdorf gegründet wurde, noch nicht. Ich selbst wurde bei der Arbeit am Laptop aufgenommen. Und natürlich waren auch unsere Männer ein Thema: Außer mir leben noch zwei weitere Kinderdorf-Mütter mit ihrem Partner im Dorf. Die Männer tun dem Zusammenleben ungeheuer gut, sie sind gerade für die Jungen wichtige Identifikationsfiguren, mal abgesehen von den vielen Fahrrädern, die sie im Laufe der Jahre repariert und die unzähligen Bälle, die sie aufgepumpt haben.

Alle Partner, die im Kinderdorf leben, haben verpflichtend an einer Schulung teilgenommen, was sehr sinnvoll ist. Es kann schwierig sein mit unseren Kindern, die ja alle schon Schlimmes erlebt haben und unbedingt Verständnis brauchen. Fast alle Jungen und Mädchen bei uns im Dorf sind Sozialwaisen, deren leibliche Eltern aus verschiedenen Gründen nicht gut für sie sorgen konnten – auch das ist ein großer Unterschied zu damals, als die allermeisten Kinder ihre Eltern im Krieg verloren hatten.

Jemand, der völlig unvorbereitet in so eine Gemeinschaft käme, wäre sicher überfordert. Die Partner der Kinderdorf-Mütter haben alle ihre eigenen Berufe, aber wie in jeder Familie übernehmen sie auch Verantwortung, verbringen Zeit mit den Kindern, sind für sie da – der eine mehr, der andere weniger. Für mich als Kinderdorf-Mutter ist das auch eine Riesenhilfe. Gestern zum Beispiel musste ich zum Elternabend in die Schule, also hat mein Lebensgefährte Erwin alle sechs Kinder ins Bett gebracht und anschließend die Küche aufgeräumt.

Aber so viel sich im Kinderdorf geändert hat, eines ist in 60 Jahren immer gleich und unantastbar geblieben: Im Mittelpunkt stehen die Kinder. Es ist großartig zu erleben, wenn ein Kind zu sich selbst findet, seine Talente entdeckt, Spaß am Leben hat. Dafür arbeiten wir, damals wie heute.

„Hermann Gmeiners Erben“ ist am Muttertag, 11.Mai, 18.25 Uhr, auf ORF 2 zu sehen.


DANKE

Nach einem guten Jahr habe ich dieses Weblog abgeschlossen. Ich möchte mich bei allen Lesen und Kommentatoren für die rege Teilnahme und Diskussion bedanken. Die bisher erschienen Einträge werden Sie weiterhin hier finden. Viele Grüße, Alexandra

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