Archiv für April 2008

Vogeljagd

Es hätte ein gemütlicher Nachmittag werden sollen. Es war warm, richtig frühlingshaft, und zusammen mit den Kindern putzte ich die Fahrräder. Die Kleinen waren auch mit dabei und polierten eifrig ihre Dreiräder. Später kam eine Kollegin rüber und wir setzten uns auf die Terrasse und genossen die Sonne. Auch den Käfig mit unseren Wellensittichen hatte ich hinausgehängt, die beiden zwitscherten vergnügt. Dann, plötzlich, will die Kollegin aufstehen und stößt mit dem Kopf gegen den Vogelkäfig. Der Käfig fällt runter, geht auf, die Vögel fliegen los.

Blogeintrag 16.4.2008

In kurzer Zeit ist das halbe Kinderdorf auf den Beinen, um die Wellensittiche wieder einzufangen. Besonders eifrig ist Dennis, mein Ältester, mit dabei. Genau der Dennis, der es uns und sich selbst immer wieder so schwer macht, der die Schule boykottiert, Kinder bedroht und sich immer wieder allem und jedem verweigert. Jetzt plötzlich ist er wieder da, offenbar hilft ihm der äußere Anstoß, den Weg zu uns zurück zu finden. Mir fällt sofort das schlimme Gewitter vor einigen Monaten ein. Auch damals war es so, dass Dennis von einem Moment auf den anderen wieder zugänglich wurde und während des Sturms mehr als alle anderen Kinder eng an meine Seite rückte.

Von Ast zu Ast
Die Wellensittiche waren inzwischen eifrig hin und her geflogen und dem einen von beiden ging langsam die Puste aus. Zwar hatte ich sie schon öfter in der Wohnung aus dem Käfig gelassen, aber dieser Ausflug hatte eindeutig andere Dimensionen. Der Vogel saß oben auf einem hohen Baum und rührte sich nicht mehr, und Dennis stieg nun Ast für Ast höher – mir wurde ganz mulmig – und schaffte es schließlich, den Vogel vorsichtig zu fassen. Der Wellensittich zwickte ihn in den Finger, zu mehr Gegenwehr war er nicht mehr im Stande.

Vogel Nummer zwei dagegen flog, als hätte er nur auf diesen Tag gewartet. Kein Anzeichen von Erschöpfung, bald war er nicht mehr zu sehen. Nun hoffe ich, dass er keiner Katze zum Opfer fällt und mit dem Wetter zurechtkommt, es ist ja doch wieder kälter geworden.

Und ich freue mich, dass Dennis wieder aufgetaucht ist. Wäre schön, wenn er ein bisschen bleibt.

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Backen und Beten

„Und das machst du wirklich für mich?“ Nun lebt Jacqueline schon so viele Jahre hier im Kinderdorf in unserer Familie, aber immer noch ist sie verwundert und überglücklich, wenn sie feststellt, dass ich etwas für sie tue, einfach nur, weil ich sie gern habe, weil sie mir wichtig ist.

Jacqueline geht in diesem Jahr als einziges Kind ihrer Schule zur Erstkommunion. Normalerweise finden zur Vorbereitung auf die Feier Tischrunden statt, bei denen sich die Jungen und Mädchen gemeinsam vorbereiten – was schlecht möglich ist, wenn Jacqueline alleine ist. Deshalb habe ich beschlossen, selbst diesen Part zu übernehmen und mich ab sofort einmal in der Woche mit ihr hinzusetzen und die verschiedenen Themen zu erarbeiten.

Jacqueline kann es gar nicht glauben! Kaum etwas hat für sie einen solchen Stellenwert wie diese Stunden, die sie ganz mit mir alleine hat. Vom Pfarramt habe ich schon die Unterrichtsmaterialien bekommen. Vieles ist recht anschaulich. Wenn es zum Beispiel um den Leib Christi geht, werden wir zusammen Brot backen, das wir anschließend mit den anderen Kindern teilen. Wir lesen Geschichten aus der Bibel, Gebete, in dieser Woche basteln wir ein Kreuz, später werden wir die Kommunionskerze selber machen – und sicher als Erinnerungsstück aufbewahren, wie wir das auch schon mit der Kerze von Dennis (Foto), Jacquelines älterem Bruder, getan haben.

Ein großer Tag
Für mich als Protestantin bedeuten die Vorbereitungsstunden wieder mal einen Ausflug in die katholische Kirche, was ich immer interessant finde. In unserer Familie sind ja beide Religionen vorhanden, Sebastian und ich sind evangelisch, die anderen katholisch. Weltweit leben in vielen Kinderdorf-Familien Jungen und Mädchen verschiedener Religionen zusammen, was nie ein Problem ist, im Gegenteil: Wenn Menschen verschiedenen Glaubens miteinander groß werden, kann das ja nur die Toleranz fördern!

In der Regel besuchen wir abwechselnd die katholische und die evangelische Kirche – und an vielen Sonntagen bleiben wir auch einfach zu hause. An Gott zu glauben bedeutet ja nicht nur in die Kirche zu gehen.

Jacqueline freut sich schon riesig auf ihren Kommunionstag und ich vermute mal, dass hängt nicht nur mit dem Glauben zusammen, sondern auch damit, dass sie im Mittelpunkt stehen wird – in einem wunderschönen weißen Kleid.

Dennis Lebensbuch

So geht es definitiv nicht weiter! Das war die eindeutige und sehr ernst gemeinte Botschaft, die gestern an Dennis ging. Zusammen mit einem Vertreter des Jugendamts, Dennis Therapeuten und unserem Familiencoach hatten wir uns zum Krisengespräch getroffen, auch Dennis leibliche Mutter wusste Bescheid. Immer vehementer hatte Dennis, 11 Jahre, in letzter Zeit seine Umwelt tyrannisiert. Dennis beschimpft seine Geschwister, bedroht andere Kinder, er geht die Lehrerin an, verweigert die Mitarbeit in der Schule und hat angefangen zu klauen. Seit einiger Zeit ist er auch für mich kaum noch zu erreichen. Als er jetzt im Gespräch mit den Vorwürfen konfrontiert wurde, reagierte er trotzig: „Ist mir doch wurscht!“

Blogeintrag 3.4.2008Wer bin ich?
Ich hoffe dennoch sehr, dass er diesen Warnschuss verstanden hat, aber sicher bin ich mir nicht. Dennis kommt in die Pubertät und auch damit hängen seine massiven Probleme zusammen. Es kommen ganz andere Fragen hoch: Wer bin ich? Wo sind meine Wurzeln? Warum bin ich im Kinderdorf? Ich habe mich deshalb entschieden, zusammen mit Dennis in diesem Jahr ein großes Projekt zu beginnen: sein persönliches Lebensbuch.

In so ein Lebensbuch kommt alles hinein, was zu dem Menschen gehört: der Ort, an dem er geboren wurde, die Namen seiner Eltern, seiner Großeltern, die ersten Schritte, die ersten Worte, die ganze Entwicklung. Auch Dennis leibliche Mutter wird mitmachen, sie war begeistert von der Idee und will versuchen, Babyfotos von Dennis zu organisieren.

Dennis selbst wird großen Anteil daran haben, das Buch zu füllen, zum Beispiel, in dem er seine wichtigen Bezugspersonen befragt oder vielleicht zusammen mit mir zu dem Krankenhaus fährt, in dem er auf die Welt gekommen sind. Ich kenne einige Jugendliche bei uns im Kinderdorf, die mit großem Elan an ihrem Lebensbuch gearbeitet haben.

Natürlich werde ich Dennis dabei begleiten, dies ist ja ein sehr emotionaler Prozess. Mit Sicherheit werden Themen hochkommen, die nicht leicht zu verarbeiten sind, alte Wunden können aufbrechen, wenn vielleicht zur Sprache kommt, warum Dennis nicht bei seiner leiblichen Mutter lebt. Dennoch finde ich es wichtig, sich da heranzuwagen. Die Fragen sind ja ohnehin da, sie werden immer drängender – und es ist Dennis Recht, auch Antworten zu bekommen.


DANKE

Nach einem guten Jahr habe ich dieses Weblog abgeschlossen. Ich möchte mich bei allen Lesen und Kommentatoren für die rege Teilnahme und Diskussion bedanken. Die bisher erschienen Einträge werden Sie weiterhin hier finden. Viele Grüße, Alexandra

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