Das Wort „Schule“

Das Kinderdorf ist wieder aufgeräumt. Alle Sturmschäden sind behoben, und die großen Bäume sind bereits begutachtet worden und sollen demnächst aus Sicherheitsgründen gefällt werden. Das gilt aber zum Glück nicht für alle Bäume: Die Kastanie vor unserem Haus zum Beispiel wird bleiben. Sie ist noch von meiner Vorgängerin und ihren Kindern gepflanzt worden. Ich bin ja schon die dritte Mutter, die in diesem Haus mit ihrer Kinderdorf-Familie wohnt. Die erste SOS-Mutter lebte hier über 20 Jahre und hat viele Kinder großgezogen, die zweite um die zehn Jahre. Sie hatte sich entschieden, eine Generation Kinder bis zum Erwachsenwerden zu begleiten, aber dann etwas anderes zu machen – da gibt es unterschiedliche Modelle.

Blogeintrag 14.3.08Regelmäßig besuchen nun die Kinder, die hier groß geworden sind, das Haus und auch die Kastanie. Meist kommen sie noch auf einen Kaffee mit hinein und setzen sich dann so selbstverständlich auf die Couch, wie es jemand tut, für den dieser Ort offenbar immer noch ein Zuhause bedeutet.

Ich selbst habe mit den Kindern vor einigen Jahren einen Apfelbaum gepflanzt. Es geht zum einen darum, Spuren zu hinterlassen, zum anderen ist es immer wieder befriedigend, etwas zu pflanzen und wachsen zu sehen. Im letzten Herbst haben wir die ersten beiden Äpfel geerntet und wir haben sie alle zusammen mit viel Genuss gegessen, auch wenn in dem einen der Wurm drin war.

Innere Stürme
Im Gegensatz zu den äußeren Stürmen, brausen die inneren mehr oder weniger vehement weiter. Die Kinder sind zurzeit alle sehr fordernd, vor allem für die beiden großen Jungen ist das Thema Schule ziemlich aufwühlend. Sebastian hat an einer ziemlich umfangreichen Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium teilgenommen. Da ging es um Allgemeinwissen, mathematisches Verständnis, soziale Kompetenz und, und, und. Er hat ein gutes Gefühl, aber Tatsache ist, dass von 600 Bewerbern nur 75 aufgenommen werden können. Also warten wir und drücken die Daumen. Wenn Sebastian keinen Platz bekommen sollte, wird er zunächst auf die Hauptschule bei uns im Ort gehen, an der auch der große Dennis angemeldet ist.

Dennis wiederum versteht überhaupt nicht, warum Sebastian aufs Gymnasium gehen sollte, aber er nicht. Es fällt ihm grundsätzlich schwer, seine eigene Leistung einzuschätzen, er meint, dass er alles kann und fängt immer erst dann zu lernen an, wenn es wirklich nicht mehr anders geht. Erst gestern hatte ich wieder ein Gespräch mit seiner Lehrerin, bei dem herauskam, dass Dennis seine Schularbeiten nicht macht, immer wieder Sachen verschwinden lässt und andere Schüler bedroht. Ich kenne das ja leider schon: Es geht immer für eine Weile gut, aber dann fällt Dennis in sein altes Muster zurück. Bisher haben das alle Bemühungen nicht verhindern können, ganz egal, ob wir einen schriftlichen Vertrag gemacht haben oder ob er dem Dorfleiter, vor dem er großen Respekt hat, versprochen hat, sich zu bessern.

Immerhin der kleine Dennis kommt wieder mehr ins Lot. Er hat in der Ergotherapie eine ganz tolle Lampe nach seinen eigenen Vorstellungen gebastelt, die er mir voller Stolz geschenkt hat. Auch er muss morgen noch mal zur Einschreibung an die Volksschule, diesmal geht es um die Sprachentwicklung, die bei Dennis gut verläuft. Aber keine Frage: Auch er ist nervös, sobald er das Wort „Schule“ hört.

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