Der Sturm

Als der Sturm kam, hatte ich mich mit den Kindern ins Wohnzimmer gesetzt. Sie müssen gemerkt haben, dass mir ziemlich mulmig zumute war, denn alle sechs hatten sich ganz eng um mich herum gedrängt – so muss sich eine Henne mit ihren Küken fühlen.

Blogeintrag 5.3.2008Immerhin waren wir dieses Mal besser vorbereitet als vor gut einem Jahr, als Kyrill über Europa zog. Wer hatte denn so einen Sturm bei uns für möglich gehalten? Diesmal war es anders: die Medien berichteten und unser Chef, der Leiter des Kinderdorfes, steckte Warnmeldungen in unsere Briefkästen. Dummerweise war Erwin an diesem Samstag nicht da, also organisierte ich zusammen mit den Kindern das Nötige: Unser Haus ist ja das oberste am Hügel, so dass der Wind ungebremst auf uns zukommen kann. Alles, was draußen im Garten lose herumlag, räumten wir weg, die Mülltonnen stellten wir in den Kellereingang und was zu sperrig zum Wegräumen war, banden wir fest.

Der Himmel wurde dunkel
Und dann ging es richtig los: der Himmel wurde dunkel, es begann zu hageln und zu schneien und der Wind heulte ums Haus. Ziemlich schnell kamen andere Geräusche hinzu: Unsere Dachziegel flogen durch die Luft. Einen der Ziegel schleuderte der Sturm bis auf das Vordach des Nachbarhauses, sodass ich bei der Nachbarin anrief und sie bat, doch lieber die Rollläden runterzulassen – wer weiß, was noch kommen würde. Tatsächlich flogen immer mehr Ziegel und auch sonst flog alles Mögliche, es war wirklich unheimlich. Zwischendurch ging auch noch der Strom aus.

Blogeintrag 5.3.2008Inmitten dieser Dramatik saßen wir aneinandergekauert da und gerieten plötzlich in eine ganz eigene Welt. Es fing damit an, dass eines der Kinder fragte, wo denn der Sturm eigentlich herkäme. Ich war froh über die Frage, denn sie lenkte uns ein bisschen ab. Vor allem der große Dennis, der so oft den starken Mann spielt, hatte Angst, das war deutlich zu sehen. Also haben wir über Unwetter gesprochen und davon, dass es sich rächt, wenn die Menschen die Natur ausbeuten. Über die Stürme kamen wir zu den Wirbelstürmen, zum Tsunami und dazu, wie ein Vulkan funktioniert. Da habe ich dann meine alte Geographie-Schulmappe hervorgeholt und den Kindern – draußen tobte weiter der Sturm – den Vulkan gezeigt, den ich als Schülerin gezeichnet habe. So ging es dann weiter mit unseren Fragen, manchmal gab ich die Antwort, manchmal liefen die Kinder los, um selbst nach der Lösung zu suchen: der eine kam mit dem Kinderlexikon aus seinem Zimmer zurück, der andere mit einem Bildband aus dem Wohnzimmer-Regal. Selbst die Kleinen machten eifrig mit und brachten ihre Bilderbücher an. Zwischendurch gingen unsere Blicke immer wieder zum Fenster.

Unheimlich, seltsam – und schön
Nach etwa zwei Stunden war das Schlimmste vorbei. In dieser Zeit hatte der Sturm ordentlich im Kinderdorf gewütet: Unserem Dach fehlten die ersten beiden Ziegelreihen, die Gartenbank lag auf dem Nachbargrundstück, ein riesengroßer Baum war auf ein Gartenhaus gefallen – zum Glück nur auf das Gartenhaus.

Inzwischen haben wir neue Dachziegel bekommen, die aber noch zusätzlich mit einem Windfang versehen werden sollen, auch die meisten anderen Schäden sind bereits behoben. Die großen Bäume im Kinderdorf sollen demnächst gefällt und durch Obstbäume ersetzt werden. Ansonsten wird uns allen dieser Tag wohl deutlich in Erinnerung bleiben, als unheimlich, seltsam – und schön.

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3 Responses to “Der Sturm”


  1. 1 Laurenz Samstag, 8. März 2008 um 10:12

    Servus Alex und Erwin!

    Komm ja jetzt leider nicht mehr so oft in eure Gegend, also wollt ich euch mal auf diesem Weg grüßen! Besonders natürlich auch an die Kids! Tolle Fotos übrigens, macht ihr die selber?

  2. 2 soskinderdoerfer Dienstag, 11. März 2008 um 13:12

    Hallo, Laurenz,

    viele Grüße zurück! Die Fotos mache ich zum Teil selber, viele der Bilder stammen aber auch von der Fotografin Michela Morosini, die sich ehrenamtlich und mit großer Begeisterung für die SOS-Kinderdörfer engagiert.

  3. 3 Christian Uran Freitag, 24. Dezember 2010 um 14:43

    Ich wünsche allen schöne Weihnachtsfeiertage und einen guten rutsch ins neue Jahr!


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