„Bitte sofort zurückkommen!“

Als die SMS kam, war ich oben auf der Almhütte und guter Laune. Zusammen mit Erwin und Sebastian, meinem leiblichen Sohn, war ich für eine Woche in die Berge gefahren. Die anderen Kinder wusste ich gut versorgt im Kinderdorf, wo unsere frühere Familienhelferin sich um sie kümmerte, assistiert von Anna, der neuen Helferin, von der ich beim letzten Mal erzählt habe. Die Kinder erschienen mir recht stabil, die Stimmung war bestens, und ich war sicher, dass alles gut gehen würde.

Die SMS riss mich aus aller Entspannung: „Bitte sofort zurückkommen, Aquarium ist hin!“

080220Es war der kleine Dennis, der offenbar randaliert hatte. In kurzer Zeit saßen Erwin und ich im Auto Richtung Kinderdorf, um zu retten, was noch zu retten war – viel war es ohnehin nicht, alle Fische waren tot. Nach ein paar Stunden haben wir uns wieder verabschiedet und versucht, wieder in die Urlaubsstimmung hineinzufinden.

Als wir schließlich nach einer Woche nach Hause fuhren, wurde ich das unangenehme Gefühl nicht los, dass mich noch mehr schlechte Nachrichten erwarten würden, und dann war ich doch schockiert, als die Familienhelferin zu erzählen begann: Vor allem Dennis hat alles gemacht, um diese Woche möglichst schrecklich werden zu lassen. Er hat die Speisekammer auf den Kopf gestellt und alle Süßigkeiten geplündert, die Handtasche der Familienhelferin ausgeräumt und zu guter Letzt noch die Haustür eingetreten. Und Mario hat wieder angefangen, in die Hose zu machen – ich komme mir vor, als wären wir wieder ganz, ganz am Anfang.

Die Botschaft, die die Kinder mit diesen Aktionen an mich richten, ist klar: Jetzt siehst du, was du anrichtest, wenn du wegfährst. Dann geht nämlich alles schief. Also: Fahr nie wieder weg! Natürlich kann ich mich unmöglich darauf einlassen.

Zweifel kommen hoch
Ausgerechnet in dieser Woche sind unsere Kinderdorf-Psychologen im Urlaub, bei denen ich gerne Hilfe gesucht hätte, denn Dennis ist überhaupt nicht zu erreichen. Als ich ihn darauf angesprochen habe, dass seine Zerstörungswut dazu geführt hat, dass Lebewesen gestorben sind, war seine Antwort: „Warum regst du dich so auf? Es sind doch nur Fische!“ Das hat mich getroffen, und mir ist wieder bewusst geworden, wie viel Schlimmes Dennis und viele andere Kinderdorf-Kinder schon erlebt haben müssen, um so zu reagieren. Jeder Junge, jedes Mädchen macht mal was kaputt und überschreitet Grenzen, aber in der Regel meldet sich irgendwann ein Unrechtsbewusstsein, die Einsicht, Mist gebaut zu haben.

Mir geht es gar nicht gut mit all dem – Zweifel kommen hoch: Wie viel sind meine Bemühungen wert, wenn es doch immer wieder zu solchen Rückschlägen kommt? Kann ich überhaupt irgendetwas bewirken? Der Gedanke, aufzuhören, ist für mich dennoch völlig abwegig. Nicht nur die Kinder hängen an mir, sondern ich auch an ihnen. Und wir sind zusammen schon einen viel zu weiten Weg gegangen. Wir haben schon so viel positive Schritte miteinander gemacht – auch wenn ich sie in diesen scheußlichen Momenten manchmal nicht sehen kann.

Um wieder runterzukommen und uns abzulenken, haben wir alle zusammen damit begonnen, das Wohnzimmer und die Küche komplett auszuräumen und neu zu streichen. Alle Kinder sind begeistert mit dabei, nur Dennis steht mitten im Raum und schaut zu. Eine Lösung ist das noch nicht, da muss ich diese Woche passen.

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5 Responses to “„Bitte sofort zurückkommen!“”


  1. 1 Gunhild Mittwoch, 20. Februar 2008 um 22:22

    Liebe Alexandra, ich kann gut verstehen, dass solche Erlebnisse Ihnen nach dem Urlaub wie eine eiskalte Dusche vorkommen. Ich denke, bei den jüngeren Kindern ist die Erfahrung noch nicht tief genug verankert, dass Sie die Kinder nicht verlassen, sondern ganz zuverlässig immer wiederkommen. Und weil das so ist, sorgen sie auf ihre Art und Weise dafür, dass Sie Ihr Wegsein „bereuen“. Kinder sind ja auch so unterschiedlich (wem sage ich das!), und da reagiert jedes unterschiedlich stark. Ich hoffe, dass jedes Kind bald wieder die nötige Sicherheit findet, die es braucht. Und Ihnen wünsche ich, dass Sie trotzdem ein wenig Urlaubserholung in den Alltag retten konnten.
    Liebe Grüße von Gunhild

  2. 2 Rolph Donnerstag, 21. Februar 2008 um 11:04

    Hallo Alexandra!

    Soweit ich deine Erzählungen in Erinnerung habe, leidet Dennis doch unter der Stoffwechselstörung ADHS. Welche therapeutischen Maßnahmen hat SOS Kinderdorf unternommen, um Dennis zu helfen?

    Wenn er natürlich Süßigkeiten nascht, die naturgemäß Zucker enthalten, wäre es gleichzusetzen mit einer Überdosis Tilidin.

    Vielleicht sollte gerade in eurer Familie überdacht werden, ob ständig neue Gesichter von Außen auf die Kinder wirken. Insbesondere Einschulungen einer Familienhelferin mit Urlaub der Kinderdorfmutter zu koppeln, halte ich ebenso wenig produktiv.

    Was wurde eigentlich aus dem angehenden neuen Kinderdorf Papa? Du hast leider nie mehr von ihm erzählt.

    Ansonsten sind deine Geschichten sehr berührend.

    Grüße Rolph

  3. 3 soskinderdoerfer Donnerstag, 21. Februar 2008 um 12:38

    Hallo Rolph,

    es stimmt, dass Dennis an ADHS, dem „Aufmerksamkeitsdefizit Hyperaktivitäts-Syndrom“, leidet. (Ich habe darüber bereits in „Neue Ziele für Mario“ geschrieben.) Um ihm zu helfen, unternehmen wir viel: Er ist in ergotherapeutischer Behandlung und bekommt regelmäßig spezielle Massagen, die Kinder-Tuina. Wie du richtig sagst, spielt auch die Ernährung eine große Rolle und ich achte sehr darauf, dass Dennis möglichst wenig Zucker zu sich nimmt. Wir sind da in ständigem Kontakt mit Spezialisten, zum Beispiel besucht uns in der nächsten Woche eine Ernährungswissenschaftlerin, die mit uns kochen wird. Dass Dennis Verhalten während meiner Abwesenheit auch damit zusammenhängt, dass er die Süßigkeiten geplündert hat, halte ich für sehr gut möglich.

    Wenn Dennis im Herbst in die Schule kommt, wird er parallel dazu eine Psycho-Therapie beginnen, weil es doch eine Menge aufzuarbeiten gibt. Das ist dann aber fürs Erste auch genug: Auch zu viele Therapien können ein Kind überfordern.

    Zu deiner Kritik an meinem Urlaub möchte ich sagen, dass dieser wohl überlegt war. Die Hauptverantwortung lag bei unserer bisherigen Familienhelferin, die die Kinder schon lange kennen und mögen, Anna war als zusätzliche Unterstützung dabei und hilft uns ja auch bereits seit drei Wochen regelmäßig. Es kann also nicht von ständig wechselnden Gesichtern die Rede sein! Und irgendwann muss ich meinen Urlaub einfach nehmen, zum einen, weil solche Auszeiten für mich und alle anderen dringend nötig sind, zum anderen, weil die Gesetze es vorschreiben.

    Zu deinem dritten Punkt: Thomas, dem Vater-Anwärter, geht es gut. Er steckt mitten in der Ausbildung und befindet sich gerade im Colleg für Familienpädagogik von SOS-Kinderdorf in Wels. Aber ich nehme deine Frage gerne zum Anlass, mal wieder über ihn zu berichten, sobald er zurück im Kinderdorf ist.

    Viele Grüße, Alexandra

  4. 4 Rolph Donnerstag, 21. Februar 2008 um 13:25

    Hallo Alexandra! Ich wollte keinesfalls Kritik an deinem Urlaub üben, der natürlich (gerade) Dir zusteht. Allerdings sollte der Wechsel von Bezugspersonen bzw. Einschulung nicht gerade zu diesem Zeitpunkt erfolgen. Vielleicht wäre es ja möglich, dass du bei der Einschulung mit eingebunden wirst. Kinder können aus derartigen Vorgängen schnell ihre eigenen Interpretationen entwickeln.

    Zu ADHS: Ich habe gute Erfahrungen mit der Neuro Feedback Therapie gemacht – wird diese auch in den SOS Kinderdörfern eingesetzt (?), denn meines Wissens gibt es gerade in Salzburg einen profunden Spezialisten auf diesem Gebiet.

    Zur Psychotherapie: Warum wird erst mit Eintritt in die Schule damit begonnen? z.B. kann die EMDR Traumatherapie bereits im Alter von 4 Jahren erfolgreich angewandt werden.

    Grüße Rolph

  5. 5 soskinderdoerfer Dienstag, 26. Februar 2008 um 15:34

    Hallo Rolph,

    natürlich hast du Recht – mag sein, dass ich mich unklar ausgedrückt habe: Selbstverständlich bin ich als Kinderdorf-Mutter anwesend und habe einen entscheidenden Anteil daran, wenn eine neue Familienhelferin in unserem Haushalt eingearbeitet wird. Dies ist so auch bereits vor meinem erwähnten Urlaub geschehen.

    Welche Therapie ein Kind bekommt, hängt von seiner individuellen Entwicklung und seinen Bedürfnissen ab. Wir wägen sehr genau ab, was das Beste für ein Kind ist. In Dennis Fall sind wir mit einer Spezialklinik für ADHS in Salzburg in ständigem Kontakt.

    Vielen Dank auf jeden Fall für deine Anregungen, viele Grüße, Alexandra


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