Land in Sicht

Anna* ist 25 Jahre alt, sie hat eine gute Ausstrahlung und das Beste: seit Montag ist sie bei uns. Ab sofort arbeitet sie als Familienhelferin 40 Stunden in der Woche in meinem Haushalt mit, unterstützt mich, wo es nötig ist und wird mich, wenn sie einmal eingearbeitet ist, regelmäßig vertreten, so dass ich hoffentlich bald damit beginnen kann, meine freien Tage abzubauen.

Meistens zeichnet es sich in den ersten zwei, drei Tagen ab, ob die Kinder jemand Neuen akzeptieren. Wir haben ja auch früher schon Familienhelferinnen gehabt, allerdings nicht so regelmäßig. Da gab es Kandidatinnen, die nach einem einzigen Probetag wieder gegangen sind, weil sie und die Kinder nicht zurechtgekommen sind. In so einem Fall können sich meine Tochter und meine Söhne plötzlich ganz schnell verbünden und ihr Gegenüber im Schulterschluss fertig machen.

Blogeintrag, 7.2.2008Bei Anna war schon nach wenigen Stunden klar, dass sie zu uns passt. Die Kinder mögen sie und lassen sich von dem frischen Wind, den sie ins Haus bringt, mittreiben. Selbst der kleine Dennis, den alles Ungewohnte schnell aus der Bahn wirft, ist vergnügt – was nicht heißt, dass er nicht versucht, die Grenzen auszuloten und zu schauen, ob Anna nicht Dinge erlaubt, die bei mir garantiert nicht durchgehen. Anna kann damit umgehen. Sie ist sehr klar strukturiert und hat kein Problem damit, sich bei den Kindern Respekt zu verschaffen. Sie hat schon einige Erfahrung mit verlassenen und traumatisierten Kindern, da ihre Eltern als Krisen-Pflegeeltern arbeiten: Wenn ein Kind aus einer Familie genommen wird, kann es einige Tage bis hin zu mehreren Monaten dauern, bis geklärt ist, was mit dem Kind geschieht. Solange lebt es in der Familie von Krisen-Pflegeeltern – keine leichte Aufgabe.

Mir selbst wird momentan vor allem bewusst, wie angespannt ich in den letzten Monaten war: so oft müde, so oft gereizt, und jeder Virus hat mich erwischt. Jetzt ist wieder Land in Sicht. Wenn ich daran denke, dass im Herbst vier meiner Kinder auf vier verschiedene Schulen gehen werden, bricht mir nicht mehr der Schweiß aus. Mit Unterstützung ist das logistisch machbar. Und wenn Mario seine Kreativität beim Malen auslebt, indem er statt das Papier großzügig die Tür anmalt, drücke ich ihm ohne große Aufregung einen Schwamm in die Hand. All das geht, wenn man einigermaßen entspannt und bei sich ist. Genau das bekomme ich gerade wieder hin!

Natürlich wirkt sich meine Stimmung sofort auf die Kinder aus. Der große Dennis zum Beispiel ist zurzeit ein fröhlicher Kranker. In den viereinhalb Jahren, die er jetzt bei uns lebt, ist er noch nie krank gewesen, und nun kam er vor ein paar Tagen mit 40 Grad Fieber aus der Schule nach Hause. Ich war recht erschrocken, da ich die Situation nicht richtig einschätzen konnte. Keine Ahnung, ob die Temperatur noch steigen oder ob er vielleicht Fieberkrämpfe bekommen würde. Es verlief dann aber alles glimpflich, und seit es ihm besser geht, genießt er seinen Krankenstatus und die besondere Aufmerksamkeit.

Mir ist klar, dass es nicht so bleiben wird. Noch zeigen sich meine Kinder von ihrer besten Seite, aber in ein paar Wochen wird Annas Anwesenheit normal für sie sein und ganz bestimmt wird es dann den einen oder anderen Zusammenprall geben. Sorgen macht mir das aber nicht, weil die Basis stimmt.

* Name auf Wunsch geändert

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3 Responses to “Land in Sicht”


  1. 1 Sigi Freitag, 8. Februar 2008 um 17:12

    Liebe Alexandra,
    toll das mit Anna. Schön dass sie zu euch passt, und schön dass du es zulässt. Ich freue mich für euch wenn du dadurch manchmal zum Entspannen kommst.
    GLG Sigi

  2. 2 Martina Koch Sonntag, 10. Februar 2008 um 14:39

    Liebe Alexandra,

    vorab erstmal grosses Kompliment an dich!
    Ich lese immer wieder gern in deinem Blog, weil du immer so schön mitten aus dem Leben erzählst, und weil dein Engagement Mut und Freude macht!

    Alexandra, da ich selbst die SOS-Kinderdörfer (im Rahmen meiner Mögllichkeiten, aber na gut) ein wenig unterstütze, habe ich aber doch mal eine Frage.. Denn die Diskussion der letzten Tage – um die Schlampereien hinsichtlich der Kinderhilfswerk-Unicef-Spendengelder geht einem doch nach..

    Kannst du mir vielleicht mal aus deiner Sicht erklären wie das mit den Spendengeldern bei den SOS-Kinderdörfern läuft?? Man kann sich das immer alles gar nicht so vorstellen wie bei so großen Organisationen für Transparenz gesorgt wird hinsichtlich der Spendengelder.. aber wie wird das denn bei Kinderdörfer überprüft, das nicht unnötig oder gar falsch Geld ausgegeben wird??

    Fragende, aber herzliche Grüße,
    tina

  3. 3 soskinderdoerfer Dienstag, 12. Februar 2008 um 13:19

    Liebe Tina,
    natürlich möchte man als Spender sicher sein, dass das Geld ankommt –und zuallererst: Danke für deine Unterstützung!
    Aus meiner Sicht kann ich sagen, dass die SOS-Kinderdörfer sehr gewissenhaft mit den Spendengeldern umgehen. Jährlich werden wir von unabhängigen, qualifizierten Wirtschaftsprüfern kontrolliert, und wir tragen das Österreichische Spendengütesiegel bzw. in Deutschland das Spendensiegel des DZI – das verpflichtet. Als Kinderdorf-Mutter muss ich beispielsweise jeden Monat eine Wirtschaftsgeldabrechnung machen, bei der sämtliche Ausgaben verbucht werden, ob für Milch, Stifte, Schuhe, Bahnfahrten oder Taschengeld. Jeden einzelnen Beleg muss ich kopieren und einschicken. Das sind dann so die Dinge, mit denen ich mich am Abend beschäftige, wenn die Kinder schlafen. Aber es ist ja richtig und wichtig!
    Meine Abrechnung wird anschließend genau überprüft. Neulich bekam ich einen Anruf, weil ich mich um 26 Cent verrechnet hatte. Ich wurde gebeten, das zu korrigieren.

    Wenn du mehr darüber wissen möchtest, wie viel Geld in den letzten Jahren in welche Projekte geflossen ist, möchte ich dich auf unsere Leistungsberichte verweisen, die unter http://www.sos-kinderdoerfer.de und http://www.sos-kinderdorf.at im Internet zu finden sind.

    Ich hoffe, dir geholfen zu haben,
    viele Grüße, Alexandra


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