Archiv für Februar 2008

Einen Versuch wert

Wenn man sich Dennis so anschaut, traut man ihm diese Zerstörungswut (siehe Eintrag von letzter Woche) kaum zu. Mit seinen großen braunen Augen hat er schon viele Menschen für sich eingenommen. Und zart ist er, viel kleiner als andere 6-jährige Kinder. Wir haben ihn deshalb jetzt untersuchen lassen. Die Spezialisten der ADHS-Klinik wollten ausschließen, dass ein Gehirnschaden dahinter steckt, der auch Ursache für Dennis Auffälligkeiten sein könnte.

Heraus kam stattdessen, dass Dennis in manchen Bereichen die Fähigkeiten eines Zwölfjährigen hat, wenn es zum Beispiel darum geht, logische Aufgaben zu lösen. Das passt zu dem, was ich im Alltag beobachte: Wenn Dennis ein Puzzle zusammenbaut, dann am liebsten verkehrt herum, also mit dem Bild nach unten – und er schafft das problemlos und ziemlich schnell. Auf anderen Ebenen dagegen, im akustischen und im emotionalen Bereich, ergaben die Untersuchungen deutliche Defizite. Auch das entspricht leider meinen Beobachtungen.

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Fördern und fordern
Seit der Untersuchung hat sich mein Verhalten gegenüber Dennis deutlich verändert. In der letzten Zeit hatte sich Resignation und Hilflosigkeit eingeschlichen, weil Dennis immer wieder so extrem reagiert hat. Nun, da ich von seinen Fähigkeiten weiß, bin ich wieder viel motivierter und ich suche verstärkt nach Möglichkeiten und Strategien, ihn zu fördern – und zu fordern.

Inzwischen hat sich Dennis auch wieder etwas beruhigt, gerät aber nach wie vor schnell aus dem Gleichgewicht. Gerade in dieser Woche hatte er auch Besuch von seiner Mutter – das Jugendamt hat festgelegt, dass sie ihn einmal im Monat besuchen darf. Für Dennis ist das immer eine emotionale Herausforderung – Freude, Angst, Verunsicherung, viel kommt da zusammen.

Manchmal denke ich nun schon mit Bangen an die Einschulung, die uns in diesem Jahr bevorsteht. Wir haben uns dafür entschieden, dass Dennis die Grundschule bei uns im Ort besuchen soll. Käme er auf eine Sonderschule, hätte ich Angst, dass er unterfordert wäre und erst recht Schwierigkeiten bekäme. Unsere Schule bietet auch einen Montessori-Zweig an, bei dem ja das selbstbestimmte Lernen verstärkt gefördert wird, was ich an sich toll finde. Für Dennis allerdings wäre das gar nichts: Für seine innere Stabilität sind Regeln ganz wichtig.

Stabile Bindungen
Mit seiner zukünftigen Klassenlehrerin habe ich bereits ausführlich gesprochen. Sie scheint klare Strukturen zu haben, ist sehr offen und findet, dass es auf jeden Fall einen Versuch wert ist. Das finde ich auch, und es wäre nicht das erste Mal, dass ich, trotz aller massiven Probleme, von Dennis positiv überrascht würde. Als er damals mit 18 Monaten zu uns kam, war er stark hospitalistisch und die Fachleute bezweifelten, dass er sich überhaupt in einen Familienverbund einfügen können würde. Inzwischen hat er stabile Bindungen aufgebaut und nimmt einen festen Platz in unserer Familie ein. Das ist für mich ein großer Erfolg.

„Bitte sofort zurückkommen!“

Als die SMS kam, war ich oben auf der Almhütte und guter Laune. Zusammen mit Erwin und Sebastian, meinem leiblichen Sohn, war ich für eine Woche in die Berge gefahren. Die anderen Kinder wusste ich gut versorgt im Kinderdorf, wo unsere frühere Familienhelferin sich um sie kümmerte, assistiert von Anna, der neuen Helferin, von der ich beim letzten Mal erzählt habe. Die Kinder erschienen mir recht stabil, die Stimmung war bestens, und ich war sicher, dass alles gut gehen würde.

Die SMS riss mich aus aller Entspannung: „Bitte sofort zurückkommen, Aquarium ist hin!“

080220Es war der kleine Dennis, der offenbar randaliert hatte. In kurzer Zeit saßen Erwin und ich im Auto Richtung Kinderdorf, um zu retten, was noch zu retten war – viel war es ohnehin nicht, alle Fische waren tot. Nach ein paar Stunden haben wir uns wieder verabschiedet und versucht, wieder in die Urlaubsstimmung hineinzufinden.

Als wir schließlich nach einer Woche nach Hause fuhren, wurde ich das unangenehme Gefühl nicht los, dass mich noch mehr schlechte Nachrichten erwarten würden, und dann war ich doch schockiert, als die Familienhelferin zu erzählen begann: Vor allem Dennis hat alles gemacht, um diese Woche möglichst schrecklich werden zu lassen. Er hat die Speisekammer auf den Kopf gestellt und alle Süßigkeiten geplündert, die Handtasche der Familienhelferin ausgeräumt und zu guter Letzt noch die Haustür eingetreten. Und Mario hat wieder angefangen, in die Hose zu machen – ich komme mir vor, als wären wir wieder ganz, ganz am Anfang.

Die Botschaft, die die Kinder mit diesen Aktionen an mich richten, ist klar: Jetzt siehst du, was du anrichtest, wenn du wegfährst. Dann geht nämlich alles schief. Also: Fahr nie wieder weg! Natürlich kann ich mich unmöglich darauf einlassen.

Zweifel kommen hoch
Ausgerechnet in dieser Woche sind unsere Kinderdorf-Psychologen im Urlaub, bei denen ich gerne Hilfe gesucht hätte, denn Dennis ist überhaupt nicht zu erreichen. Als ich ihn darauf angesprochen habe, dass seine Zerstörungswut dazu geführt hat, dass Lebewesen gestorben sind, war seine Antwort: „Warum regst du dich so auf? Es sind doch nur Fische!“ Das hat mich getroffen, und mir ist wieder bewusst geworden, wie viel Schlimmes Dennis und viele andere Kinderdorf-Kinder schon erlebt haben müssen, um so zu reagieren. Jeder Junge, jedes Mädchen macht mal was kaputt und überschreitet Grenzen, aber in der Regel meldet sich irgendwann ein Unrechtsbewusstsein, die Einsicht, Mist gebaut zu haben.

Mir geht es gar nicht gut mit all dem – Zweifel kommen hoch: Wie viel sind meine Bemühungen wert, wenn es doch immer wieder zu solchen Rückschlägen kommt? Kann ich überhaupt irgendetwas bewirken? Der Gedanke, aufzuhören, ist für mich dennoch völlig abwegig. Nicht nur die Kinder hängen an mir, sondern ich auch an ihnen. Und wir sind zusammen schon einen viel zu weiten Weg gegangen. Wir haben schon so viel positive Schritte miteinander gemacht – auch wenn ich sie in diesen scheußlichen Momenten manchmal nicht sehen kann.

Um wieder runterzukommen und uns abzulenken, haben wir alle zusammen damit begonnen, das Wohnzimmer und die Küche komplett auszuräumen und neu zu streichen. Alle Kinder sind begeistert mit dabei, nur Dennis steht mitten im Raum und schaut zu. Eine Lösung ist das noch nicht, da muss ich diese Woche passen.

Land in Sicht

Anna* ist 25 Jahre alt, sie hat eine gute Ausstrahlung und das Beste: seit Montag ist sie bei uns. Ab sofort arbeitet sie als Familienhelferin 40 Stunden in der Woche in meinem Haushalt mit, unterstützt mich, wo es nötig ist und wird mich, wenn sie einmal eingearbeitet ist, regelmäßig vertreten, so dass ich hoffentlich bald damit beginnen kann, meine freien Tage abzubauen.

Meistens zeichnet es sich in den ersten zwei, drei Tagen ab, ob die Kinder jemand Neuen akzeptieren. Wir haben ja auch früher schon Familienhelferinnen gehabt, allerdings nicht so regelmäßig. Da gab es Kandidatinnen, die nach einem einzigen Probetag wieder gegangen sind, weil sie und die Kinder nicht zurechtgekommen sind. In so einem Fall können sich meine Tochter und meine Söhne plötzlich ganz schnell verbünden und ihr Gegenüber im Schulterschluss fertig machen.

Blogeintrag, 7.2.2008Bei Anna war schon nach wenigen Stunden klar, dass sie zu uns passt. Die Kinder mögen sie und lassen sich von dem frischen Wind, den sie ins Haus bringt, mittreiben. Selbst der kleine Dennis, den alles Ungewohnte schnell aus der Bahn wirft, ist vergnügt – was nicht heißt, dass er nicht versucht, die Grenzen auszuloten und zu schauen, ob Anna nicht Dinge erlaubt, die bei mir garantiert nicht durchgehen. Anna kann damit umgehen. Sie ist sehr klar strukturiert und hat kein Problem damit, sich bei den Kindern Respekt zu verschaffen. Sie hat schon einige Erfahrung mit verlassenen und traumatisierten Kindern, da ihre Eltern als Krisen-Pflegeeltern arbeiten: Wenn ein Kind aus einer Familie genommen wird, kann es einige Tage bis hin zu mehreren Monaten dauern, bis geklärt ist, was mit dem Kind geschieht. Solange lebt es in der Familie von Krisen-Pflegeeltern – keine leichte Aufgabe.

Mir selbst wird momentan vor allem bewusst, wie angespannt ich in den letzten Monaten war: so oft müde, so oft gereizt, und jeder Virus hat mich erwischt. Jetzt ist wieder Land in Sicht. Wenn ich daran denke, dass im Herbst vier meiner Kinder auf vier verschiedene Schulen gehen werden, bricht mir nicht mehr der Schweiß aus. Mit Unterstützung ist das logistisch machbar. Und wenn Mario seine Kreativität beim Malen auslebt, indem er statt das Papier großzügig die Tür anmalt, drücke ich ihm ohne große Aufregung einen Schwamm in die Hand. All das geht, wenn man einigermaßen entspannt und bei sich ist. Genau das bekomme ich gerade wieder hin!

Natürlich wirkt sich meine Stimmung sofort auf die Kinder aus. Der große Dennis zum Beispiel ist zurzeit ein fröhlicher Kranker. In den viereinhalb Jahren, die er jetzt bei uns lebt, ist er noch nie krank gewesen, und nun kam er vor ein paar Tagen mit 40 Grad Fieber aus der Schule nach Hause. Ich war recht erschrocken, da ich die Situation nicht richtig einschätzen konnte. Keine Ahnung, ob die Temperatur noch steigen oder ob er vielleicht Fieberkrämpfe bekommen würde. Es verlief dann aber alles glimpflich, und seit es ihm besser geht, genießt er seinen Krankenstatus und die besondere Aufmerksamkeit.

Mir ist klar, dass es nicht so bleiben wird. Noch zeigen sich meine Kinder von ihrer besten Seite, aber in ein paar Wochen wird Annas Anwesenheit normal für sie sein und ganz bestimmt wird es dann den einen oder anderen Zusammenprall geben. Sorgen macht mir das aber nicht, weil die Basis stimmt.

* Name auf Wunsch geändert


DANKE

Nach einem guten Jahr habe ich dieses Weblog abgeschlossen. Ich möchte mich bei allen Lesen und Kommentatoren für die rege Teilnahme und Diskussion bedanken. Die bisher erschienen Einträge werden Sie weiterhin hier finden. Viele Grüße, Alexandra

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