Archiv für Januar 2008

Festtage

Heute Nacht hat Dennis (der kleine) in seinem Bett gesessen und ist vor- und zurückgewippt. Weder er noch ich haben viel geschlafen, und ich bin nun gespannt, wie wir den heutigen, für ihn sehr besonderen Tag meistern werden. Dennis ist am Samstag sechs Jahre alt geworden und heute Nachmittag feiern wir seinen Geburtstag. Er fiebert dem schon lange entgegen, aber gleichzeitig bedeutet so ein Fest auch eine Abweichung vom gewohnten Rhythmus, und wer dieses Tagebuch schon länger verfolgt, weiß, dass Dennis damit immer wieder Probleme hat. Mit der Nacht ging es also los, und heute Morgen hat er sich plötzlich nicht mehr anziehen können.

_mg_1578.jpgIch befürchte nun, dass sich spätestens am Abend seine Anspannung entlädt, was ziemlich heftig sein kann: In solchen Momenten schmeißt er mit Essen oder Spielzeug herum, kichert unentwegt und rennt weg, wenn ich ihn zu mir bitte. Wenn ich versuche, mit ihm zu diskutieren, macht das wenig Sinn. Er meint es nicht böse, aber er bekommt einfach nichts mehr mit. Also gebe ich eher knappe Anweisungen und setze ihn meist getrennt von den anderen Kindern in die Küche, damit er sich beruhigen kann, bleibe aber selbst in seiner Nähe, für den Fall, dass er zum Beispiel auf die Idee kommt, Unterhemden zu zerschneiden. Oder ich setze ihn in die Badewanne, ein Entspannungsbad hat ihm schon oft geholfen.

Mal schauen, wie es läuft. Dennis hat fünf Kinder eingeladen, dazu kommen unsere eigenen sechs. Ich möchte unter anderem mit den Kindern Masken basteln. Wir nehmen Pappteller, und die Kinder können sie mit Ölmalkreide oder Wasserfarbe anmalen, dann stanzen wir mit dem Locher zwei Löcher an die Seiten und ziehen ein Gummiband durch. Das Gute daran ist, dass vom jüngsten Gast, der gerade mal drei Jahre alt ist, bis zum Ältesten mit Elf jedes Kind auf seine Weise mitmachen kann.

Masken aus Papptellern
Anstrengend ist so ein Tag natürlich immer, zumal ich mit den Kindern alleine sein werde. Und ich gebe zu, dass ich zurzeit manchmal ziemlich müde und ausgelaugt bin. Die Kinderdorf-Verwaltung tritt mir auch schon auf die Füße, weil ich noch 50 freie Tage und 90 Urlaubstage vom letzten Jahr offen habe. Letztes Wochenende habe ich es immerhin geschafft, mal frei zu machen. Unsere neue Familienhelferin, die mich ab Februar unterstützen wird (und von der ich nächste Woche mehr erzählen werde), hat schon mal ein Probewochenende mit den Kindern verbracht, und Erwin und ich sind richtig ausgegangen – zum Ball der Unteroffiziere.

Allein der Moment, wo ich in mein Ballkleid geschlüpft bin, war magisch. Ich hatte ein bodenlanges, weinrotes Kleid mit aufgestickten Blumen an, Dekollete und Schal. Als der Tanz eröffnet wurde, kam einer der Offiziere genau auf mich zu, so dass ich plötzlich diejenige war, die den Eröffnungstanz absolvieren durfte. Wem muss ich sagen, dass man sich da gleich ganz anders fühlt?

Kompliment an die Oma

Da stand er nun, der große Dennis, und hatte ein Problem. Vor einer Weile hatten wir eine Verabredung mit seiner Oma getroffen, auf die er sich sehr freute. Die beiden mögen sich gerne, und für alle unsere Kinder ist es immer etwas Besonderes, die leibliche Familie zu treffen. Dennis und seine Schwester Jacqueline besuchen sowohl ihre Mutter als auch ihre Oma einmal im Monat, aber dummerweise hatten wir diesmal bei der Terminabsprache übersehen, dass am selben Tag bei uns im Dorf das jährliche Faschingsfest stattfinden sollte. Blogeintrag 24.1.2008 Die Feier steht bei den Kindern hoch im Kurs. Traditionell versammeln sich alle Kinderdorf-Familien am Faschings-Dienstag – wieder einmal – bei uns im Garten und essen Gulaschsuppe. Die Kinder stehen dann schon in den Startlöchern und warten darauf, ihren Spielerpass zu bekommen und loslegen zu dürfen. Die pädagogischen Mitarbeiter unseres Dorfes bauen jedes Jahr einen Parcours mit verschiedenen Stationen auf. Da geht es um Geschicklichkeitsspiele oder Rätsel, mal müssen die Kinder ein Ei auf dem Löffel balancieren, mal eine Schneeskulptur bauen. Auch unsere Kostüme haben wir schon lange festgelegt, ich hatte sie im letzten Sommer von unserer Ägypten-Reise mitgebracht: Angefangen beim kleinen Tobias bis hin zu meinem Partner Erwin würden die Männer unserer Familie als Scheich und Jacqueline und ich als Tänzerinnen verkleidet sein. (Die Fotos von Tobias und Mario sind noch vom letzten Jahr) All das wollte Dennis natürlich auf gar keinen Fall verpassen, aber genauso wenig wollte er die Oma enttäuschen. Also hat er sich überlegt, dass doch einer der drei pädagogischen Mitarbeiter des Kinderdorfs mit der Oma sprechen könnte. Die Pädagogen sind in viele wichtige Entscheidungen eingebunden, weshalb ich es nur positiv finde, dass die Kinder so einen guten Draht zu ihnen haben. Wenn ich zum Beispiel der Meinung bin, dass ein Kind eine Förderung oder eine Therapie braucht, stellt der pädagogische Mitarbeiter, der für unsere Familie zuständig ist, den Antrag. Er ist auch bei den regelmäßigen Hilfeplanüberprüfungen dabei, wenn die Entwicklung des Kindes zusammen mit den leiblichen Eltern besprochen wird, und er ist jederzeit ansprechbar, wenn eine Mutter ein Problem mit einem Kind hat – oder ein Kind mit einer Mutter.

Blogeintrag 24.1.2008Fasching ohne schlechtes Gewissen
Dennis war nun der Meinung, dass sein Problem auch in den Zuständigkeitsbereich der Pädagogen fällt. Ich dagegen war mir sicher, dass er die Sache selbst mit der Oma klären könnte, und so war es dann schließlich auch. Dennis hat sie angerufen und ihr die Situation geschildert, und die Oma war alles andere als sauer oder verletzt, ganz im Gegenteil: Sie hat sich offensichtlich sehr gefreut, dass sich Dennis im Kinderdorf so wohl fühlt. Kompliment an die Oma! Sowieso möchte ich gerne einmal allen leiblichen Eltern speziell meiner Kinderdorf-Kinder dafür danken, dass sie so kooperativ sind und aktiv an der Erziehung ihrer Töchter und Söhne teilhaben. Ich weiß sehr gut, dass das für sie oft nicht leicht ist, und ich kenne einige Fälle in anderen Familien, in denen die Zusammenarbeit leider überhaupt nicht klappt. Dabei ist es für die Kinder so eine wertvolle Erfahrung, wenn Kinderdorf-Mutter und leibliche Eltern an einem Strang ziehen.  Das Treffen mit der Oma haben wir dann auf einen anderen Termin gelegt, und Dennis kann sich ohne schlechtes Gewissen auf Fasching freuen. Hin und wieder können Lösungen auch mal einfach sein.

Von Bauarbeitern und Uhrmachern

Gestern habe ich mit meinen beiden Großen die Anmeldebögen für die weiterführenden Schulen ausgefüllt. Dennis wird auf die Hauptschule gehen, über den Schwerpunkt denken  wir noch nach. Mir würde der naturwissenschaftliche Zweig für ihn gut gefallen. Bei Sebastian wird es das Gymnasium werden.

Blogeintrag, 17.01.2008

Ich habe das Thema dann den ganzen Tag mit mir herum getragen und angefangen, über die Zukunft der Kinder nachzudenken. Sebastian wollte bis vor Kurzem noch Profi-Fußballer werden, inzwischen sieht er sich als zukünftigen Sportreporter, was zu ihm passen würde. Nicht nur, dass er wirklich sportbegeistert ist, er hat auch ein Faible für Sprachen, schreibt gerne Aufsätze, mag den Englisch-Unterricht. Seit einer Weile wünscht er sich, Italienisch zu lernen und hat nun zu Weihnachten einen Volkshochschul-Kurs Italienisch geschenkt bekommen. Demnächst werden wir Zwei dort in den Unterricht gehen.

Dennis dagegen hatte sehr, sehr lange überhaupt keine Phantasie in Bezug auf seine Zukunft. Gefragt nach seinen Träumen oder Plänen, hat er nur mit den Achseln gezuckt. Das geht vielen unserer Kinder so und hängt damit zusammen, dass sie schon viele Beziehungsabbrüche und mehrere Pflegeplätze hinter sich haben. Erst wenn sie wieder länger an einem stabilen Platz leben und Vertrauen gefasst haben, können sie eigene Ziele erarbeiten. Bei Dennis hat das vier Jahre gedauert, umso mehr hat es mich gefreut, als er vor einiger Zeit mit ersten Vorstellungen kam, auch, wenn diese schnell wieder wechselten. Manchmal sagt Dennis jetzt, dass er Mechaniker werden möchte, in anderen Momenten doch wieder Fleischer wie sein leiblicher Vater. Es geht ja nicht darum, sich wirklich festzulegen, dafür bleibt noch genug Zeit, sondern darum, sich selbst in Zusammenhängen zu sehen und ein Gefühl für die eigenen Interessen und Fähigkeiten zu entwickeln.

Blogeintrag 17.01.2008

Viele unserer Jungen und Mädchen wohnen während ihrer Ausbildung noch im Kinderdorf. Gerade in dieser Phase tut es ihnen gut, ein stabiles Zuhause zu haben. Spätestens, wenn die erste Freundin, der erste Freund kommt, wächst dann meist der Drang nach mehr Selbständigkeit. Es gibt da in unserem Dorf verschiedene Modelle: Manche Jugendliche ziehen zunächst in Jugend-Wohngruppen, die von Mitarbeitern der SOS-Kinderdörfer betreut werden, andere ziehen gleich in eine eigene Wohnung. Die Entscheidung darüber trifft das Jugendamt, natürlich in Absprache mit dem Jugendlichen und der Kinderdorffamilie.

Fast alle Kinder halten auch später noch den Kontakt zu ihrer Kinderdorf-Mutter und tauchen immer wieder im Kinderdorf auf, allein, mit Partner oder später mit dem eigenen Nachwuchs.

Ich würde mir für meine Kinder wünschen, dass sie mal ein Leben führen, mit dem sie zufrieden sind. Ich wünsche mir, dass sie gewisse Werte verinnerlicht haben werden und zum Beispiel ihre Wohnung sauber halten können – das ist für jemanden, der als Kind für längere Zeit in einem großen Durcheinander gelebt hat, nicht selbstverständlich. Ich wünsche mir, dass sie ihre Probleme so gut aufgearbeitet haben werden, dass sie ihr Leben eigenständig meistern. Nicht alle unserer Kinder kriegen das hin. Manche kommen in Kontakt mit Drogen, andere werden durch eine erneute Krise wieder aus der Bahn geworfen.

Aber viele schaffen es. Ich kenne Kinder, die Bauarbeiter geworden sind, Lehrer, Uhrmacher oder auch Ärztin. Ein gutes Gefühl, ihnen zu begegnen.

Politur fürs Selbstbewusstsein

Ein frohes Neues Jahr und Hallo in 2008!
Ich hoffe, dass ihr alle einen guten Start hattet.

Blogeintrag 10.01.2008Bei uns im Kinderdorf haben wir gerade so mit Ach und Krach an unserer Silvester-Tradition festhalten können. Seit Jahren bauen wir im Garten vor unserem Familienhaus eine Schnee-Bar auf, an der sich kurz vor Mitternacht das ganze Dorf und die umliegenden Nachbarn versammeln. Von dort hat man nämlich den besten Blick aufs Feuerwerk. Nur war in diesem Jahr der Schnee ziemlich knapp, so dass wir alles zusammenkratzen mussten, was wir kriegen konnten. Zuletzt haben wir noch den Schnee vor dem Kinderdorf auf einen Anhänger geschaufelt und nach oben transportiert – da hatte uns alle der Ehrgeiz gepackt.

Es hat sich gelohnt: Wie jedes Jahr war es großartig, diese doch schon eingeschworene Gemeinschaft versammelt zu sehen. Es wird ja immer wieder betont, dass die SOS-Kinderdörfer keine abgeschlossene Festung sein wollen, sondern den Kontakt zu ihrer Umgebung pflegen. Ich finde das ganz wichtig für unsere Kinder, die ja möglichst normal aufwachsen sollen. Und je mehr man miteinander zu tun hat, desto größer wird auch das Verständnis, zum Beispiel dafür, dass sich das eine oder andere Kind auch mal richtig daneben benimmt. Dann werde ich schon mal gefragt, was mit den Kindern los ist. Ohne die Geschichten detailliert schildern und in die Privatsphäre der Kinder eindringen zu müssen, versuche ich, generell über die Problematik zu informieren: Dass die allermeisten unserer Jungen und Mädchen schlimme Erfahrungen mit ihren leiblichen Eltern gemacht haben und sich manchmal einfach nicht mehr auskennen, für wertlos halten und unglücklich sind – für den Umgang miteinander hilft das sehr.

Blogeintrag 10.01.2008An Silvester also waren viele unserer Nachbarn da: die Krankenschwester, die ich immer ansprechen kann, falls es einem meiner Kinder schlecht geht und ich einen schnellen Rat oder einen Verband brauche. Oder die Familie, die im letzten Jahr einen Notfall mit der Oma hatte und heilfroh war, dass sie die Kinder für den Tag bei mir lassen konnte. Der eine hilft eben dem anderen – nichts Besonderes und doch so viel.

Nur der kleine Dennis hat Silvester verpasst. Es hätte das erste Mal sein sollen, an dem er bis zum Feuerwerk hätte wach bleiben dürfen, aber um zehn Uhr sind ihm die Augen zugefallen. Er hat es gelassen genommen, ohnehin schwebte er noch ganz woanders: In den Weihnachtsferien hatte er an einem Skikurs teilgenommen. Eine Skischule bei uns in der Nähe lädt regelmäßig einige unserer Kinder zum kostenlosen Kurs ein, und diesmal durfte Dennis dabei sein. Was dann passierte, war für Dennis wohl das Ereignis des Jahres: Er hat den ersten Platz beim Abschlussrennen belegt! In den ersten zwei Tagen hat er von nichts anderem gesprochen, und bis heute ist noch kein Tag vergangen, an dem er seinen Pokal nicht hingebungsvoll poliert hat. Man könnte auch sagen: Tagtäglich poliert er sein Selbstbewusstsein.


DANKE

Nach einem guten Jahr habe ich dieses Weblog abgeschlossen. Ich möchte mich bei allen Lesen und Kommentatoren für die rege Teilnahme und Diskussion bedanken. Die bisher erschienen Einträge werden Sie weiterhin hier finden. Viele Grüße, Alexandra

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