Vertrauensbeweis

Zugegeben, das Ganze war etwas gemein. Aber mir war es ganz wichtig, Dennis zu vermitteln, dass er auf mich zählen kann, und so habe ich es drauf ankommen lassen: Freitag war Dennis Geburtstag, Freitag war aber auch der Beginn meines freien Wochenendes, das ich in der Regel ohne die Kinder verbringe. Je näher der Tag kam, desto unruhiger wurde Dennis. „Mutti, ich weiß schon, ich hab in letzter Zeit viel Mist gebaut. Kein Wunder, dass du nicht mit mir feiern willst.“ Solche Sätze kamen öfters, wohl auch, um von mir zu hören, dass ich natürlich mit ihm feiere, aber ich habe nichts gesagt, und so ging Dennis offenbar davon aus, dass wir am Montag nachfeiern würden.

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Was Dennis nicht wusste: Ich hatte ein Wochenende im 4-Sterne-Hotel in Bad Tölz gebucht inklusive Besuch der Therme. Das war mein Geschenk für ihn, das ich aus Ersparnissen aus der Haushaltskasse und von meinem eigenen Geld bezahlt hatte. Jacqueline, Sebastian, Erwin und ich würden mit dabei sein. Die drei Kleinen würden mit einer Familienhelferin zu Hause bleiben und es sicher auch gut haben: Endlich war der Schnee liegengeblieben, und die Jungen wollten unbedingt Schlittenfahren.

Tränen in den Augen
Der Freitag kam, und am Nachmittag fuhr ich mit dem Auto vor, die Taschen lagen schon gepackt im Kofferraum. Dennis vermutete, dass wir ins Kino gehen würden und war ganz verwundert, als wir daran vorbeifuhren. Je länger die Fahrt dauerte, desto aufgeregter rutschte er auf seinem Platz hin und her, und als wir schließlich vor dem Hotel in Bad Tölz standen und ich den Kindern erzählte, was sie erwarten würde, blieb Dennis, der sonst immer einen Spruch auf den Lippen hat, schlicht die Sprache weg, und er hatte Tränen in den Augen. Wir anderen standen genauso ergriffen da – wir müssen ein lustiges Bild abgegeben haben.

novemberdezember2007082.jpgKurz nach unserer Ankunft gingen wir in Schwimmbad, Wellenbad, Whirlpool und von einer Wasserrutsche auf die nächste, bis um 22 Uhr die Türen geschlossen wurden. Am nächsten Morgen staunten die Kinder über das Frühstücksbuffet – so was sind sie natürlich nicht gewohnt – und probierten systematisch alles durch.

Dennis und ich haben uns irgendwann mal in eine ruhige Ecke gesetzt und darüber gesprochen, was es heißt, Vertrauen zu haben. Ich hab ihm gesagt, dass er doch wissen müsse, dass ich ihn an seinem Geburtstag nicht vergesse, und er war recht kleinlaut. Es war ihm sichtlich unangenehm, dass er so skeptisch gewesen war. Dass Dennis mehr noch als die anderen Kinder immer wieder solche Vertrauensbeweise einfordert, hat auch damit zu tun, dass er schon sechs Jahre alt war, als er ins Kinderdorf kam. Jacqueline, seine jüngere Schwester, hat das Thema in diesem Maße nie gehabt.

Es hat mich sehr gerührt, als Dennis schließlich erklärte, was ihm an diesem Wochenende am besten gefallen habe. Es war nicht das Hotel und nicht das Schwimmbad, sondern die Tatsache, dass ich ihm mein freies Wochenende geschenkt hatte. Für ihn wohl der größte Vertrauensbeweis.

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2 Responses to “Vertrauensbeweis”


  1. 1 Johanna Winkler Donnerstag, 22. November 2007 um 10:44

    Liebe Alexandra!

    Du und deine Familie, ihr seid so genjal!!

    Das wollte ich mal sagen.

    liebe Grüße,
    Johanna 🙂

  2. 2 DoRo Freitag, 23. November 2007 um 1:43

    Hi Alex,

    schön machst du das, auch wenn ich über eine sehr kritische Seite zu deinem Blog gelangt bin. Die eigenen Eltern könnten den Kindern so etwas tolles nie bieten.

    Ich habe mich ja abgefunden, dass mein Sohn bei einer Pflegefamilie aufwächst. Aber dennoch passiert vieles nicht richtig in der Fürsorge, wie ja auch der Fall vom kleinen Luca in Österreich aufzeigt.

    Schlimm, dass es Menschen gibt, die ihren eigenen Kindern Gewalt antun, schön dass es Menschen gibt, die sich so rührend um die armen Seelen kümmern.

    Mach nur weiter so Liebe Alex!


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