Archiv für November 2007

Die Frau Zunge

Alle meine Kinder haben Kontakt zu ihren leiblichen Eltern. Bei den meisten verlaufen die regelmäßigen Besuche recht gut, und die Kinder profitieren davon. Schwierig war es dagegen bisher bei Mario und Tobias, den beiden Kleinen. Jedes Mal, wenn sich ihre Mutter angekündigt hatte, stand die Frage im Raum: Kommt sie oder kommt sie nicht? In der Regel warteten die Kinder vergebens und waren entsprechend enttäuscht.

29.11.2007 Neue Besuchsregelung
Nun stand die halbjährliche Hilfeplanüberprüfung der Beiden an, und zusammen mit dem Sozialarbeiter war die leibliche Mutter zu uns gekommen. Gemeinsam diskutierten wir, wie man die Besuchsregelung verbessern könnte und die Mutter machte selbst den Vorschlag, in Zukunft nur noch zu diesen halbjährlichen Terminen zu kommen, was wir dann auch vereinbarten. Ich hatte das Gefühl, dass sie erleichtert war.

Sie ist ja noch sehr jung und man merkt, dass sie sich im Umgang mit den Kindern nicht wirklich wohl fühlt. Bei ihrem jetzigen Besuch hat sie eigentlich nur mit Tobias gespielt und Mario, seinen älteren Bruder, wohl aus Unsicherheit, ignoriert. Mario war danach ziemlich durch den Wind, hing an meinem Bein, selbst, wenn ich nur zur Toilette gehen wollte, und war aggressiv gegenüber Tobias. Ich denke, dass die neue Regelung den Kindern gut tun wird. Letztendlich geht es um Klarheit.

Es ist faszinierend, wie sich die Beiden bei entsprechender Förderung entwickeln. Letzte Woche war ich mit ihnen beim Kinderarzt, der sehr zufrieden war. Er lobte Marios sprachliche Entwicklung, das Sozialverhalten der Kinder, ihre Reinlichkeit. Insgesamt seien sie viel gelöster. Zu mir sagte er, ich dürfe stolz sein. Das tat gut!

29.11.2007Bellende Familie
Seitdem lernen wir doppelt motiviert weiter. Mit Tobias gehe ich regelmäßig zur Logopädin, die ihm sehr hilft. Zum Beispiel hat er immer noch Schwierigkeiten mit dem Essen, weil ihm ständig seine Zunge im Weg ist. Da erzählt die Logopädin dann die Geschichte von der Frau Zunge, die sich reckt und streckt. Tobias macht das viel Spaß und spielerisch bekommt er seine Zunge immer besser in den Griff.

Außerdem soll er viel krabbeln, um seine beiden Gehirnhälften besser zu vernetzen und seine räumliche Orientierung zu verbessern. Wir machen alle mit, werden zu Hunden und krabbeln bellend durch die Wohnung. Ich finde, es gibt keinen besseren Weg zu lernen als diesen: spielerisch und ohne Druck.

Und nun zur Einstimmung auf den Advent schnell noch eins unserer Lieblings-Plätzchen-Rezepte.

Bis nächste Woche, Alexandra

Rezept für Orangentaler
Zutaten: 250 g Mehl, 125 g Butter, 80 g Zucker, 2 EL Saure Sahne,
abgeriebene Schale von 1 Orange. Für die Glasur: 125 g Puderzucker, 3 EL Orangensaft, 1 TL gemahlener Anis, kandierte Früchte.
Teigzutaten verkneten und 30 Minuten kalt stellen. Den Teig auf einer
bemehlten Fläche ausrollen und Plätzchen ausstechen. Bei 200 Grad ca. 10 Minuten backen. Puderzucker, Orangensaft und Anis verrühren und die Plätzchen damit bestreichen. Mit den kandierten Früchten verzieren. Fertig!

Vertrauensbeweis

Zugegeben, das Ganze war etwas gemein. Aber mir war es ganz wichtig, Dennis zu vermitteln, dass er auf mich zählen kann, und so habe ich es drauf ankommen lassen: Freitag war Dennis Geburtstag, Freitag war aber auch der Beginn meines freien Wochenendes, das ich in der Regel ohne die Kinder verbringe. Je näher der Tag kam, desto unruhiger wurde Dennis. „Mutti, ich weiß schon, ich hab in letzter Zeit viel Mist gebaut. Kein Wunder, dass du nicht mit mir feiern willst.“ Solche Sätze kamen öfters, wohl auch, um von mir zu hören, dass ich natürlich mit ihm feiere, aber ich habe nichts gesagt, und so ging Dennis offenbar davon aus, dass wir am Montag nachfeiern würden.

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Was Dennis nicht wusste: Ich hatte ein Wochenende im 4-Sterne-Hotel in Bad Tölz gebucht inklusive Besuch der Therme. Das war mein Geschenk für ihn, das ich aus Ersparnissen aus der Haushaltskasse und von meinem eigenen Geld bezahlt hatte. Jacqueline, Sebastian, Erwin und ich würden mit dabei sein. Die drei Kleinen würden mit einer Familienhelferin zu Hause bleiben und es sicher auch gut haben: Endlich war der Schnee liegengeblieben, und die Jungen wollten unbedingt Schlittenfahren.

Tränen in den Augen
Der Freitag kam, und am Nachmittag fuhr ich mit dem Auto vor, die Taschen lagen schon gepackt im Kofferraum. Dennis vermutete, dass wir ins Kino gehen würden und war ganz verwundert, als wir daran vorbeifuhren. Je länger die Fahrt dauerte, desto aufgeregter rutschte er auf seinem Platz hin und her, und als wir schließlich vor dem Hotel in Bad Tölz standen und ich den Kindern erzählte, was sie erwarten würde, blieb Dennis, der sonst immer einen Spruch auf den Lippen hat, schlicht die Sprache weg, und er hatte Tränen in den Augen. Wir anderen standen genauso ergriffen da – wir müssen ein lustiges Bild abgegeben haben.

novemberdezember2007082.jpgKurz nach unserer Ankunft gingen wir in Schwimmbad, Wellenbad, Whirlpool und von einer Wasserrutsche auf die nächste, bis um 22 Uhr die Türen geschlossen wurden. Am nächsten Morgen staunten die Kinder über das Frühstücksbuffet – so was sind sie natürlich nicht gewohnt – und probierten systematisch alles durch.

Dennis und ich haben uns irgendwann mal in eine ruhige Ecke gesetzt und darüber gesprochen, was es heißt, Vertrauen zu haben. Ich hab ihm gesagt, dass er doch wissen müsse, dass ich ihn an seinem Geburtstag nicht vergesse, und er war recht kleinlaut. Es war ihm sichtlich unangenehm, dass er so skeptisch gewesen war. Dass Dennis mehr noch als die anderen Kinder immer wieder solche Vertrauensbeweise einfordert, hat auch damit zu tun, dass er schon sechs Jahre alt war, als er ins Kinderdorf kam. Jacqueline, seine jüngere Schwester, hat das Thema in diesem Maße nie gehabt.

Es hat mich sehr gerührt, als Dennis schließlich erklärte, was ihm an diesem Wochenende am besten gefallen habe. Es war nicht das Hotel und nicht das Schwimmbad, sondern die Tatsache, dass ich ihm mein freies Wochenende geschenkt hatte. Für ihn wohl der größte Vertrauensbeweis.

Geburtstags-Tyrann

Der kleine Dennis und Geburtstagsfeiern – das war in den letzten Jahren oft eine ungute Konstellation. Dabei meine ich vor allem die Geburtstage seiner Hausgeschwister. Es ist für Dennis ganz schwierig auszuhalten, dass eines der anderen Kinder im Mittelpunkt steht.

16. novWie viele der Jungen und Mädchen im Kinderdorf hat er Probleme damit, sich selbst anzunehmen und wertzuschätzen, und so eine Ausnahmesituation stärkt die eigene Unsicherheit offenbar massiv. Also reagiert Dennis völlig überzogen, macht sich selbst zum Mittelpunkt, indem er stört, wo er kann: Er hampelt herum, reißt auseinander, was die Anderen gerade gebastelt haben, schlägt um sich, schmeißt mit Gläsern. So hat er schon Feste zum Platzen gebracht.

Ich bin dann dazu übergegangen, Dennis bei Geburtstagsfeiern in einem der Nachbarhäuser bei uns im Kinderdorf unterzubringen, zufrieden war ich damit aber auch nicht; schließlich gehört er mit zur Familie. Als Jacqueline letzte Woche Geburtstag hatte, habe ich deshalb nach langem Überlegen etwas Neues ausprobiert: Ich habe Dennis einen großen Hut aufgesetzt und ihn feierlich zu meinem persönlichen Festtags-Assistenten, dem Geburtstagswichtel, ernannt. Seine Aufgabe war es, mir bei allem möglichen zu helfen: das Bastel-Material zu holen, Spiele zu erklären und so weiter.

„Das Peinlichste überhaupt!“
Es hat funktioniert! Am Ende des Tages waren alle glücklich: Dennis hat sich wichtig gefühlt und seine Aufgabe gut gemeistert. Jacqueline hatte eine tolle Feier und hat es sehr genossen, die Prinzessin des Tages gewesen zu sein. Wenn man, wie meine Kinder, mit so vielen Geschwistern aufwächst, ist es immer toll, mal die Hauptperson zu sein, und gerade Jacqueline nimmt sich im Alltag oft sehr zurück. Die Gäste und Geschwister waren auch zufrieden und trugen stolz ihre selbstgebastelten Martins-Laternen nach Hause.

Nur die Laterne des großen Dennis hat leider nicht lange überlebt: Gleich am nächsten Nachmittag beim Martins-Zug fing sie Feuer und brannte vor den Augen aller Anwesenden lichterloh ab. Dennis bekam einen roten Kopf und sagte den schönen Satz: „Ich dachte schon, es sei das Peinlichste überhaupt, mit 11 Jahren noch eine Martinslaterne zu tragen, aber das hier ist noch viel peinlicher.“

geburtstag nov07

Am Freitag hat der große Dennis Geburtstag – und auch das wird eine Herausforderung. Er hat es sich selbst und uns in den letzten Monaten nicht leicht gemacht, ich habe öfter davon erzählt. Dennis kommt allmählich in die Pubertät und da geraten ja viele Kinder ins Wanken. Und Dennis muss sich einerseits mit seiner Herkunftsfamilie auseinandersetzen, andererseits mit seinem jetzigen Umfeld. Manchmal ist er wütend, manchmal misstrauisch, auch mir gegenüber, was schon wehtun kann.

An seinem Geburtstag möchte ich ihm vor allem zeigen, dass er mir vertrauen kann. Das klingt jetzt sehr vage, ich weiß, aber mehr möchte ich noch nicht verraten. Es ist wichtig, dass Dennis noch nichts erfährt.

Nächste Woche mehr, Alexandra


DANKE

Nach einem guten Jahr habe ich dieses Weblog abgeschlossen. Ich möchte mich bei allen Lesen und Kommentatoren für die rege Teilnahme und Diskussion bedanken. Die bisher erschienen Einträge werden Sie weiterhin hier finden. Viele Grüße, Alexandra

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