Archiv für Oktober 2007

Strenge Ruhe!

Die Vorzeichen waren da, aber ich habe sie mit viel Geschick übersehen: Seit ein paar Wochen schon ging es mir nicht gut, ich war angestrengt, mal tat hier was weh, mal dort. Naja, und dann habe ich diesen blödsinnigen Schub bekommen: Gelenksentzündung mit Fieber, ziemlich schmerzhaft, und so bin ich das erste Mal in meinen sieben Jahren als Kinderdorf-Mutter krankheitsbedingt ausgefallen. Der Arzt hat mir strenge Ruhe verordnet, und ich bekomme täglich Infusionen. Eine ganze Woche habe ich nun im Bett gelegen, aber nicht in unserem Familienhaus im Kinderdorf, sondern in meiner kleinen Wohnung in der Stadt. Es gibt dort ein Heim für SOS-Kinderdorf-Mütter im Ruhestand, das aber nicht voll belegt ist, und einige von uns Müttern haben die Möglichkeit genutzt, dort günstig einen Rückzugsort zu mieten – ohne den geht es nicht: Ich habe schon mal versucht, meine freien Tage im Kinderdorf zu verbringen. Da saß ich dann auf der Terrasse mit einem Buch in der Sonne, aber natürlich liefen die Kinder nicht zur Familienhelferin, sondern zu mir, wenn etwas war, und nach kurzer Zeit war ich wieder mitten im Geschehen.

Blogeintrag 30.10.2007Der Arzt wollte, dass ich noch eine weitere Woche im Bett bleibe, aber das habe ich nicht geschafft: Im Kinderdorf lief das Notfallprogramm, das heißt, wechselnde Helferinnen betreuten die Kinder. Sie machen ihre Sache sehr, sehr gut, aber immer öfter forderten die Kinder mich ein: Jacqueline sollte längst den Zahnarzt besuchen, aber das geht offenbar „nur mit der Mutti“, Mario muss zum Impfen – ebenfalls nur „mit Mutti“ vorstellbar, und allesamt wollten sie ihre große Halloween-Feier am heutigen Nachmittag ausfallen lassen, wenn ich nicht dabei sein würde. (Ich denke nicht, dass sie das durchgehalten hätten, aber ich war trotzdem beeindruckt!) Meine Alarmglocken läuteten schließlich, als ich hörte, dass der kleine Dennis seit einigen Tagen nachts einnässt – das hat er noch nie gemacht, seitdem er die Windeln abgelegt hat.

Hexen, Vampire und Skelette
Also habe ich gestern Abend meine Sachen gepackt und bin zurück ins Dorf gefahren. Die Kinder haben gejubelt. Als sie im Bett waren, habe ich noch die Muffins für das Gruselbuffett gebacken, während im Wohnzimmer der Fernseher lief: Sebastian und einige andere Kinder seines Fußballvereins durften die Mannschaften von Red Bull Salzburg und Rapid Wien aufs Spielfeld begleiten, Sebastian hat seit Tagen von nichts anderem gesprochen, und da das Spiel life übertragen wurde, musste ich natürlich zuschauen. Da lief mein Sohn tatsächlich ein, Seite an Seite mit seinem großen Idol, dem Torwart Timo Ochs – was für ein Ereignis!

So, und nun drängeln sich bereits ein Mädchen und fünf Jungen vor der Tür, die endlich Hexen, Vampire und Skelette werden wollen, und auch Erwin, mein Partner, muss noch geschminkt werden, er ist fürs Gruselkabinett eingeteilt. Das Kinderdorf hat mich wieder.

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Falscher Verdacht

_mg_1616-2.jpgIn Jacquelines Schule ist geklaut worden. Zwei Mädchen sollen ein paar Dinge mitgehen lassen haben – und Jacqueline war mit ihnen unterwegs. Die beiden sind keine ihrer engen Freundinnen, mal haben die Kinder mehr, mal weniger Kontakt. Jacqueline sagt, dass sie mit der Klauerei nichts zu tun habe, und das glaube ich ihr auch. Aber ich merke, dass ihr das Ganze zusetzt, sie ist ungewöhnlich still und zurückhaltend, vielleicht auch deshalb, weil sie in Verdacht geraten ist – das ist ja kein schönes Gefühl.

Ich habe die Sache zum Anlass genommen, mal mit ihr über Themen wie Ehrlichkeit zu sprechen und darüber, mit wem man sich einlässt und was Freundschaft bedeutet. Jacqueline hat die meiste Zeit einfach zugehört. Sie hat ohnehin ein gutes Gespür für Menschen und schaut sich die Leute sehr gut an, egal ob Erwachsene oder Kinder.

Auch für meine anderen Kinder würde ich die Hand ins Feuer legen. Sie mögen alle ihre Macken haben, aber stehlen würde keines von ihnen. Ich lasse auch bei uns im Haus meine Sachen offen liegen, und es ist nie etwas weggekommen, im Gegenteil: Eher noch tragen mir die Kinder meine Handtasche hinterher, weil sie meinen, dass ich nicht gut genug darauf aufpasse. Die Kinder wissen auch, dass sie sich nehmen können, was sie brauchen, sie müssen nur fragen. Genauso können sie zu mir kommen, wenn sie sich mal etwas kaufen wollen. Wir sprechen dann darüber, und wenn es vernünftig klingt, bekommen sie das Geld und sie ziehen alleine zum Einkaufen los. So lernen sie, mit Geld umzugehen.

Bananen unterm Bett
Das Einzige, was bei uns kurioserweise immer mal wieder verschwindet, sind Lebensmittel – obwohl sich die Kinder natürlich auch da bedienen dürfen. Dahinter steckt der große Dennis: In Situationen, die ihn verunsichern, hat er offenbar das Gefühl, Vorsorge treffen zu müssen. Vielleicht erinnern sich manche Leser daran, dass er mal eine Banane und einen Apfel unter dem Bett versteckt hatte, nachdem ich an einem Wochenende alleine weggefahren war (nachzulesen in „Blitzende grüne Augen“). Das ist ganz typisch und kommt immer wieder vor.

Jetzt bin ich gespannt, ob der Diebstahl in Jacquelines Schule aufgeklärt werden kann. Ich weiß, dass die Mutter eines der beiden Mädchen ziemlich vehement auf ihre Tochter eingeredet hat. Das Mädchen hat auch ein paar Andeutungen gemacht, die aber wohl doch nicht stimmten. Vielleicht kann ich nächste Woche mehr erzählen.

Trauerarbeit

Am Wochenende wollen wir in meine Heimat nach Kärnten fahren, um unser Familiengrab für Allerheiligen herzurichten. Da es ja offenbar kälter werden und sogar schneien soll, habe ich schon unsere Wintersachen herausgesucht. Ich wasche Handschuhe und Mützen, und die Kinder probieren die Jacken und Stiefel durch. Sie wollen unbedingt alle mitfahren, was ich gut finde. Ich glaube, dass ihnen die gemeinsame Grabpflege bei ihrer eigenen Trauerarbeit helfen kann. Sie alle machen ja in dem Moment, wo sie von ihren Eltern getrennt werden, einen Trauerprozess durch.

Die Kinder auf der Schaukel - Blogeintrag 17.10.07Jedes Kind geht anders damit um, aber es gibt doch bestimmte Stadien, die typisch sind: Am Anfang will man einfach nicht wahrhaben, was da passiert ist, danach kommt oft eine große Wut, die irgendwann in Resignation übergeht, verbunden mit Schuldgefühlen. Es ist wichtig, diese Gefühle aufzuarbeiten. Wenn die Kinder zum Beispiel sehen, dass ich um meine Angehörigen trauere und mich auch nicht schäme, wenn mir die Tränen kommen, erfahren sie, dass es in Ordnung ist, traurig zu sein. Wir werden auch das Familiengrab von Erwin besuchen, in dem seine Mutter begraben ist, die vor zwei Jahren gestorben ist und die meine älteren Kinder noch gekannt haben. „Hast du weh?“, hat mich neulich der kleine Mario in einer ähnlichen Situation gefragt, und ich habe versucht, ihm zu erklären, dass es ein großer Verlust ist, wenn jemand geht und dass man ruhig weinen darf.

Es ist gut, wenn die Fragen kommen, dann kann man aktiv damit umgehen, auch, wenn es manchmal schwierig ist, die richtige Antwort zu finden. „Warum bin ich hier?“; „Wollte mich meine Mutter nicht mehr?“ Ich versuche, den Kindern vor allem zu vermitteln, wie viel sie mir und anderen bedeuten, dass sie stolz auf sich sein können. Gleichzeitig ist es mir wichtig, den leiblichen Eltern gegenüber eine wertschätzende Haltung einzunehmen. „Weißt du, in der Situation damals konnte deine Mama dich nicht richtig versorgen und du hast nicht das gekriegt, was ein Kind braucht.“ Im besten Fall unterstützen auch die leiblichen Eltern die Trauerarbeit. Mit der Mutter von Dennis und Jacqueline zum Beispiel bin ich regelmäßig im Gespräch. Sie hatte mich darum gebeten, ihren Kindern selbst erklären zu dürfen, wieso die Beiden ins Kinderdorf gekommen sind. Ich weiß, dass sie sehr offen mit ihnen gesprochen und auch zugegeben hat, viele Fehler gemacht zu haben. Das war sicher nicht leicht für sie, und nicht alle Eltern schaffen das. Für manche ist es schon schwierig, überhaupt den Kontakt zu halten.  Für die Kinder aber kann so ein Gespräch sehr wertvoll sein.

Geisterstunde

Feiern Ihre Kinder Halloween? Ich muss gestehen, dass Halloween nicht gerade mein Fest ist. Es ist mir zu kommerziell, und wir haben ja selbst genug tolle Feste und Bräuche. Meine Kinder sehen das anders. Sie lieben es, sich als Gespenster und Hexen zu verkleiden, und die beiden Großen nähen in der Schule zurzeit Taschen, auf die sie Geister nähen und die natürlich auch zum Einsatz kommen müssen. Also werden die Kinder am Halloween-Tag, dem 31. Oktober, von Tür zu Tür ziehen und um Süßes oder Saures bitten.

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Den anderen Müttern im Kinderdorf geht es ähnlich wie mir: Keine ist begeistert, aber man kommt offenbar nicht drum herum. Deshalb haben wir uns entschieden, eine Halloween-Party zu feiern, und wenn schon, dann richtig: Es wird ein Geister-Buffett geben mit Muffins, die mit Schokoladen-Spinnweben überzogen sind oder mit abgeschnittenen Fingern, die wir aus Stücken von Wienerwürstchen machen, in die als Fingernagel ein Mandelblatt gesteckt wird. Fast alle Häuser beteiligen sich, in einem wird gefeiert, im nächsten werden wir im Keller ein Gruselkabinett aufbauen.

Solche Gemeinschaftsaktionen gibt es bei uns öfter, mal geplant, mal ungeplant. Erst vor kurzem waren wir mit dem ganzen Dorf wandern, und an Sylvester ist es Tradition, dass sich das ganze Kinderdorf bei mir im Garten versammelt, da man von hier den besten Blick aufs Feuerwerk hat. Sicher kann so ein enges Zusammenleben auch mal anstrengend sein, aber die Vorteile überwiegen eindeutig. Wenn ich mal schnell weg muss, kann ich jederzeit ein Kind bei einer Nachbarin abgeben, und ich weiß, dass es gut versorgt ist. Dafür helfe ich umgekehrt einem Mädchen von nebenan beim Italienisch-Lernen.

Mehr noch als wir Mütter sind die Kinder in ständigem Kontakt. Neulich waren plötzlich unsere Zahnstocher verschwunden, und als ich nachschaute, saßen bestimmt acht Jungen unter einem Baum und bauten mit den Zahnstochern und Kastanien wilde Phantasietiere. Einige von ihnen können manchmal ziemlich ausrasten und sich und ihren Familien das Leben schwer machen, aber jetzt saßen sie alle still und konzentriert zusammen und bastelten mit Eifer an ihren Objekten, die aussahen wie große Moleküle. Ein schönes Bild.

Und da ich eh schon wieder dabei bin, ein Plädoyer fürs Basteln zu halten, hier noch ein Tipp für alle Eltern, die ebenfalls nicht um Halloween herumkommen: Aus alten Socken lassen sich ganz schnell Fledermäuse herstellen. Ich selbst habe so eine Waschmaschine, die Socken schluckt, so dass sich im Laufe der Zeit einige Einzelstücke angesammelt haben. Die Socken stopfen wir mit Watte aus und nähen sie zu. Aus schwarzem Tonpapier machen wir die Flügel, dann bekommen die Fledermäuse noch Wackelaugen und Zähne aus Zahnstochern und einen Faden zum Aufhängen. Fertig.

Bis nächste Woche, Alexandra

Ein kleines P.S. für alle, die wissen wollen, wie es Mario inzwischen mit dem Töpfchen ergeht: Er kommt seit einigen Tagen tatsächlich ohne Windel aus! Nur in der Nacht braucht er sie noch, was er selbst allerdings nicht so sieht. Er ist regelrecht empört, wenn ich darauf bestehe.


DANKE

Nach einem guten Jahr habe ich dieses Weblog abgeschlossen. Ich möchte mich bei allen Lesen und Kommentatoren für die rege Teilnahme und Diskussion bedanken. Die bisher erschienen Einträge werden Sie weiterhin hier finden. Viele Grüße, Alexandra

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