Mutter im Streik

Am Wochenende habe ich zum ersten Mal den Notfalldienst unseres Kinderdorfs angerufen. Diese Einrichtung ist speziell für uns Mütter da, Tag und Nacht erreichbar und hilft uns bei egal welchem Problem. Neulich zum Beispiel musste eine Mutter mit einem Kind, das sich verletzt hatte, ins Krankenhaus und brauchte eine Betreuung für die anderen Kinder. Der Notfalldienst hat daraufhin eine Familienhelferin vorbeigeschickt. Oder aber, ein Jugendlicher ist in der Nacht nicht nach Hause gekommen. Da hat der Notfalldienst geholfen, ihn zu finden. Schließlich stellte sich heraus, dass er bei einem Freund übernachtet hat.

vor dem hausNun, am Wochenende, war es bei uns so weit. Seit Tagen schon hatte es in Strömen geregnet, so dass sich die Kinder gegenseitig auf die Pelle rückten, dazu kam die Aufregung vor dem ersten Schultag nach den Ferien – Jacqueline sollte einen neuen Lehrer bekommen, was für sie eine große Sache ist: Sie braucht immer lange, bis sie Vertrauen aufbaut. Und Dennis war unruhig, weil er wusste, dass viele neue Kinder in seine Klasse kommen würden, also sein angestammter Platz eventuell in Frage gestellt würde. Außerdem wird es bei den beiden großen Jungs in den nächsten Monaten um die Frage gehen, welche weiterführende Schule sie besuchen werden.

Die Familienpackung Eis auf dem Schoß
All das führte dazu, dass die Kinder permanent in Streit miteinander gerieten, bissen, kratzten, spuckten – von Schimpfwörtern ganz zu schweigen, der Lärmpegel war unglaublich. Ich versuchte immer wieder, die Situation zu klären, aber sobald ich ein bisschen Ruhe in die eine Sache gebracht hatte, ging es mit einer anderen los. Irgendwann merkte ich, wie sich die Unruhe auf mich übertrug; das Ganze wurde mir einfach zu viel – da habe ich angerufen. Glücklicherweise hatte ausgerechnet mein Familienassistent Dienst, der unsere Geschichte sehr gut kennt. Eine Stunde lang habe ich am Telefon geschimpft und geschimpft, Frust und Ärger rausgelassen. Danach ging es mir schon besser, aber ich hatte das Gefühl, nun unbedingt etwas nur für mich tun zu müssen; die Kinder sollten das ruhig mitbekommen. Also bin ich in den Streik getreten! Ich habe mich auf einen Stuhl mitten in die Küche gesetzt, auf dem Schoß eine Familienpackung Eis und habe sie genüsslich ausgelöffelt – ohne etwas abzugeben. Ob das besonders pädagogisch war, weiß ich nicht, aber auf jeden Fall schauten die Kinder ziemlich überrascht, als sie merkten, dass ich es ernst meine. Plötzlich wurde es im ganzen Haus ruhig; so ruhig war es am ganzen Wochenende nicht gewesen. Und was soll ich sagen: Seit diesem Moment wurde es deutlich harmonischer. Mit so einer Wirkung hatte ich überhaupt nicht gerechnet, aber war sehr froh darüber – wenn mir auch von dem ganzen Eis ein bisschen schlecht war.

Nächste Woche erzähle ich, wie die ersten Schultage gelaufen sind.
Bis dahin, Alexandra

Eins noch: der Abschied zwischen Sandra und Florian, den beiden unbändig Verliebten (wie letzte Woche beschrieben in „Schmetterlinge für immer“), war wie befürchtet sehr tränenreich! Heute Nachmittag will Florian zu mir kommen; ich habe ihm versprochen, dass er Sandra von meinem Telefon aus anrufen darf.

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