Archiv für September 2007

Ohne Druck

Was kann ein Kind, das in seinen ersten Lebensjahren vernachlässigt wurde, später aufholen?

Die Meinungen gehen da auseinander, vor allem, was emotionale Defizite angeht. Wenn ein Kind geschlagen oder missbraucht wurde, dauert es oft sehr lange und es bedarf absoluter Sicherheit, bis es überhaupt darüber spricht. Manches bricht auch erst in der Pubertät richtig raus. Man kann den Kindern durch Liebe, Bestätigung und geeignete Therapien helfen, aber dennoch wird so ein Erlebnis Zeit ihres Lebens ein Thema für sie bleiben.

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Anders bei den motorischen oder sprachlichen Defiziten, da kann richtige Förderung eine Menge bewirken – Mario ist das beste Beispiel dafür. Er hat, seit er bei uns lebt, extrem viel dazugelernt, man sieht es an vielen Kleinigkeiten: Kontinuierlich hat sich sein Wortschatz erweitert, nachdem er ja anfangs gar nicht gesprochen hatte („Mittags um 12“). Er wendet inzwischen auch die Vergangenheitsform an und spricht von sich als „Ich“. Motorisch wird er ebenfalls immer geschickter, klettert auf jedes Gerüst, hält den Stift richtig und fängt an, Begrenzungen in seinem Malbuch einzuhalten.

Bei all den Fortschritten finde ich es nur normal, dass andere Dinge noch nicht so klappen. Gerade eben versuchen wir wieder ohne Windel klarzukommen. Vor den Sommerferien ging das ja schon mal ganz gut, aber dann hat Mario einen ziemlichen Rückschritt gemacht. Nun probieren wir es also wieder, an manchen Tagen erfolgreich, Mario sagt immer öfter Bescheid, wenn er aufs Töpfchen muss. Dass er das spürt, ist für mich ein deutlicher Fortschritt, auch, wenn es manchmal schon zu spät ist. Tja, und an anderen Tagen piselt er gleich mehrmals hintereinander in die Hose. Da fällt viel Wäsche an. Aber ich möchte ihn auf keinen Fall unter Druck setzen – wenn es noch nicht geht, nehmen wir eben noch mal für eine Weile die Windeln.

Kastanienwald

Was uns allen immer wieder gut tut und die Kinder auf vielerlei Art fördert, ohne dass es ihnen überhaupt auffällt, sind unsere Bastelnachmittage. Ich finde das Basteln selbst unglaublich beruhigend und den Kindern tut es spürbar gut, gemeinsam in vertrauter Atmosphäre etwas zu gestalten. Auch dabei wird natürlich die Motorik gefördert und es gibt ihnen Selbstvertrauen, wenn ich zum Beispiel zu den Großen sage, dass sie die Heißklebepistole oder die Laubsäge benutzen dürfen. Täglich bringen die Kinder zurzeit Eicheln, Kastanien oder bunte Blätter mit nach Hause. Daraus wollen wir in dieser Woche einen Wald bauen: Wir nehmen einen Pappkarton, malen ihn an und gestalten mit Moos, Blättern und Ästen die Bäume. Aus den Kastanien und Eicheln machen wir dann mit Hilfe der Zahnstocher die Waldbewohner: Rehe, Wildschweine, Igel…. Mit den beiden Kleinen möchte ich Obst aus Papier basteln. Ich nehme einen großen Bogen Papier und schneide jeweils doppelt Äpfel, Birnen und Karotten aus, die die Kinder mit Wasserfarben anmalen. Zu einem Stück Obst gehören eine Vorder- und eine Rückseite, dazwischen kleben wir Watte oder Zeitungspapier und hängen es dann am Silikonfaden ins Fenster.

Ich bin sicher, die Beiden werden furchtbar stolz sein!

Aus dem Lot

Früher habe ich das persönlich genommen: Wenn Dennis (der Kleine) plötzlich aggressiv wurde. Ich dachte anfangs, er wolle mich damit ärgern. Inzwischen weiß ich, dass er nicht anders kann. Dennis braucht feste Strukturen für sein Wohlbefinden und sobald die ins Wanken geraten, wankt er mit. Jetzt hat also nach den langen Sommerferien der Kindergarten wieder begonnen, eigentlich für ihn schon Umstellung genug, aber dazu kommt noch, dass sein bester Freund seit Herbst in die Schule geht, und Marcel, sein kleiner Hausbruder, nun ebenfalls jeden Tag ein paar Stunden im Kindergarten verbringt – in Dennis Revier.

Plötzlich kann sich Dennis nicht mehr alleine anziehen, brüllt ohne Grund los und zerstört die Sachen der anderen. Ich versuche, gelassen zu bleiben – das hilft mir und ihm. Wenn er sich anzieht, gebe ich Hilfestellung, aber in der Hauptsache warte ich ab. Ich schätze, dass er noch eine Weile brauchen wird.

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Für die Großen ist der Schulanfang eher entspannt verlaufen. Sie waren alle froh, ihre Freunde wiederzusehen, und die Jungs sind stolz auf ihre neuen „Wilde Kerle“-Schreibmappen. Wir hatten im letzten Schuljahr eine Abmachung getroffen: Ich hatte ihnen versprochen, dass sie für jedes Teil, das wir nicht neu kaufen müssen, einen kleinen Zuschuss zum Taschengeld bekommen, und dass ich außerdem, wenn ich sehe, dass sie achtsam mit den Dingen umgehen, auch mal etwas mehr Geld ausgeben würde. Das hat sie enorm angespornt und es hat bei allen Dreien erstaunlich gut funktioniert, sodass ich ihnen die etwas teureren Mappen gekauft habe.

Ich hatte gedacht, nun selber auch wieder ein bisschen mehr Luft zu haben, aber leider hat mich vor ein paar Tagen die Grippe erwischt, und wie es gerade sein soll, ist keine Familienhelferin zur Hand. Also laufe ich mit Husten, laufender Nase und Fieber durchs Haus und sehne den Moment herbei, wo die Kinder im Bett sind. Immerhin war heute eine Praktikantin bei uns, die sich um die Kleinen gekümmert hat. Die Beiden haben ein treffsicheres Gespür dafür, dass ich ihnen zurzeit nicht viel entgegensetzen kann, also machen sie Blödsinn, wo sie können. Die großen Jungs stellen es etwas geschickter an, die Situation zu ihren Gunsten zu nutzen: „Mutti, du brauchst doch jetzt Ruhe, da hast du sicher nichts dagegen, dass wir noch draußen spielen.“ Jacqueline dagegen, auch das ist ganz typisch, hat mir heute schon zweimal Tee gekocht und will mir am liebsten alles abnehmen, so dass ich sie fast bremsen muss.

Ewig wird das Ganze ja hoffentlich nicht dauern – geht gar nicht, denn in den nächsten Wochen steht einiges an: Vier Elternabende, ein Schulvortrag, Impftermine für die Kleinen. Außerdem drängen die Kinder schon seit Tagen, dass wir nun endlich mit der Herbstbastelei anfangen sollen.

Mutter im Streik

Am Wochenende habe ich zum ersten Mal den Notfalldienst unseres Kinderdorfs angerufen. Diese Einrichtung ist speziell für uns Mütter da, Tag und Nacht erreichbar und hilft uns bei egal welchem Problem. Neulich zum Beispiel musste eine Mutter mit einem Kind, das sich verletzt hatte, ins Krankenhaus und brauchte eine Betreuung für die anderen Kinder. Der Notfalldienst hat daraufhin eine Familienhelferin vorbeigeschickt. Oder aber, ein Jugendlicher ist in der Nacht nicht nach Hause gekommen. Da hat der Notfalldienst geholfen, ihn zu finden. Schließlich stellte sich heraus, dass er bei einem Freund übernachtet hat.

vor dem hausNun, am Wochenende, war es bei uns so weit. Seit Tagen schon hatte es in Strömen geregnet, so dass sich die Kinder gegenseitig auf die Pelle rückten, dazu kam die Aufregung vor dem ersten Schultag nach den Ferien – Jacqueline sollte einen neuen Lehrer bekommen, was für sie eine große Sache ist: Sie braucht immer lange, bis sie Vertrauen aufbaut. Und Dennis war unruhig, weil er wusste, dass viele neue Kinder in seine Klasse kommen würden, also sein angestammter Platz eventuell in Frage gestellt würde. Außerdem wird es bei den beiden großen Jungs in den nächsten Monaten um die Frage gehen, welche weiterführende Schule sie besuchen werden.

Die Familienpackung Eis auf dem Schoß
All das führte dazu, dass die Kinder permanent in Streit miteinander gerieten, bissen, kratzten, spuckten – von Schimpfwörtern ganz zu schweigen, der Lärmpegel war unglaublich. Ich versuchte immer wieder, die Situation zu klären, aber sobald ich ein bisschen Ruhe in die eine Sache gebracht hatte, ging es mit einer anderen los. Irgendwann merkte ich, wie sich die Unruhe auf mich übertrug; das Ganze wurde mir einfach zu viel – da habe ich angerufen. Glücklicherweise hatte ausgerechnet mein Familienassistent Dienst, der unsere Geschichte sehr gut kennt. Eine Stunde lang habe ich am Telefon geschimpft und geschimpft, Frust und Ärger rausgelassen. Danach ging es mir schon besser, aber ich hatte das Gefühl, nun unbedingt etwas nur für mich tun zu müssen; die Kinder sollten das ruhig mitbekommen. Also bin ich in den Streik getreten! Ich habe mich auf einen Stuhl mitten in die Küche gesetzt, auf dem Schoß eine Familienpackung Eis und habe sie genüsslich ausgelöffelt – ohne etwas abzugeben. Ob das besonders pädagogisch war, weiß ich nicht, aber auf jeden Fall schauten die Kinder ziemlich überrascht, als sie merkten, dass ich es ernst meine. Plötzlich wurde es im ganzen Haus ruhig; so ruhig war es am ganzen Wochenende nicht gewesen. Und was soll ich sagen: Seit diesem Moment wurde es deutlich harmonischer. Mit so einer Wirkung hatte ich überhaupt nicht gerechnet, aber war sehr froh darüber – wenn mir auch von dem ganzen Eis ein bisschen schlecht war.

Nächste Woche erzähle ich, wie die ersten Schultage gelaufen sind.
Bis dahin, Alexandra

Eins noch: der Abschied zwischen Sandra und Florian, den beiden unbändig Verliebten (wie letzte Woche beschrieben in „Schmetterlinge für immer“), war wie befürchtet sehr tränenreich! Heute Nachmittag will Florian zu mir kommen; ich habe ihm versprochen, dass er Sandra von meinem Telefon aus anrufen darf.


DANKE

Nach einem guten Jahr habe ich dieses Weblog abgeschlossen. Ich möchte mich bei allen Lesen und Kommentatoren für die rege Teilnahme und Diskussion bedanken. Die bisher erschienen Einträge werden Sie weiterhin hier finden. Viele Grüße, Alexandra

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