„Stopp!“

Sind wir nun eine Familie oder sind wir keine? Kaum bin ich aus dem Urlaub zurück, da geht es wieder zur Sache…

Ägypten war großartig: Nilkreuzfahrt, Schnorcheln im Roten Meer, das Tal der Könige – ich habe mich richtig erholt, auch, wenn ich oft an Zuhause gedacht habe und manchmal nahe dran war anzurufen. Umso schöner war es dann, die Kinder wiederzusehen. Jacqueline lief gleich auf mich zu und erzählte mir stolz, dass es allen Blumen gut gehe – die hatte sie in meiner Abwesenheit versorgt und ihre Aufgabe sehr ernst genommen.

Blogeintrag 22.8.2007Wäre nur alles so gelaufen! Leider müssen die letzten Tage vor meiner Rückkehr furchtbar gewesen sein, so dass Marion, unsere Familienhelferin, nun heilfroh war, das Haus wieder an mich übergeben zu können. Die Kleinen waren in alte Verhaltensmuster zurückgefallen, Mario weigerte sich zum Beispiel plötzlich wieder, aufs Töpfchen zu gehen. Richtig schwierig war es offenbar mit dem großen Dennis. Er ist Marion gegenüber ausfallend geworden, hat Dinge versteckt oder mitgehen lassen, sich nichts sagen lassen und ist auch anderen Kinderdorf-Müttern gegenüber frech geworden. Es ist oft so, dass die Kinder verunsichert reagieren, wenn ich mal nicht da bin, aber bei Dennis bin ich mir diesmal nicht sicher: Es gab ja in den letzten Monaten immer wieder Probleme.

Auf alle Fälle hatten wir geplant, einen Tag nach meiner Ankunft alle zusammen gleich wieder loszufahren, da wir eine Woche Urlaub in einem Hotel in Saalbach-Hinterglemm gewonnen hatten, und nun bot mir unser Dorfleiter an, Dennis, wenn notwendig, für die Woche in einer anderen Kinderdorf-Familie unterzubringen. Aber das kam für mich nicht in Frage: Wir sind eine Familie, und Dennis gehört dazu, ganz egal, wie er sich benimmt!

So sind wir also vor drei Tagen in Saalbach angekommen, und Dennis: versteckt seine Zahnspange, verwüstet unsere Betten, läuft bei Wanderungen bewusst langsam hinter uns her oder beschmeißt uns mit Tannenzapfen. Die Kinder ignorieren ihn total, und ich habe das eine oder andere Mal schon Konsequenzen gezogen. Zum Beispiel durfte er die Sommerrodelbahn nicht mit runterfahren. Das war sicher hart für ihn – für mich war es das auch. Trotzdem ist es mir wichtig, Dennis klar zu machen: „So geht es nicht!“ In solchen Fällen bin ich froh, dass ich meinen Partner Erwin habe, mit dem ich mich besprechen kann.  Er hält sich meist aus den Streitereien heraus, so dass Dennis in ihm immer noch jemanden hat, mit dem er reden kann. Nur wenn Dennis mich wüst beschimpft oder handgreiflich wird, mischt sich Erwin ein. Dann reicht meist ein energisches „Stopp!“, und der Junge ist schlagartig ruhig.

Auf alle Fälle sind wir anderen fest entschlossen, uns den Urlaub nicht vermiesen zu lassen, dafür ist die Zeit zu kostbar: eine ganze Woche, in der ich mich weder ums Kochen noch um die Wäsche kümmern muss! Wir gehen viel Wandern, in die Eisriesenwelt, die Teufelsklamm, schauen uns Burg Hohenwerfen an, und am Abend spielen wir Karten. Manchmal denke ich dann an unseren großen Traum: einmal alle zusammen eine Flugreise machen. Wir sparen, sparen, sparen, und irgendwann werden wir im Flieger sitzen, ganz sicher.

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3 Responses to “„Stopp!“”


  1. 1 Verena Donnerstag, 23. August 2007 um 17:22

    Liebe Alexandra!

    Ich verfolge schon seit längerem deine wöchentlichen Berichte und möchte dir jetzt einmal (stellvertretend für alle Kinderdorfmütter und -väter) ein riesengroßes Kompliment aussprechen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, wie schwer es manchmal für dich ist und ich bewundere dich um deine Kraft. Es ist sehr schön, zu sehen, dass es in unserer heutigen Gesellschaft Menschen gibt, die einen Teil ihres Lebens für andere aufopfern und bereit sind zu geben

  2. 2 Werner Sonntag, 26. August 2007 um 16:20

    Hallo Alexandra,

    ich lese immer wieder von Eltern, die um ihre Kinder kämpfen. Sogar der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EMGR) verurteilt Deutschland immer wieder wegen schwersten Menschenrechtsverletzungen in Zusammenhang mit fremduntergebrachten Kindern. Wie wird das bei SOS Kinderdorf gehandhabt? Leben hier nur Waisenkinder oder kennt Ihr dieses Problem auch?

    Ich wünsche weiterhin Viel Erfolg mit dem Weblog!

    Werner

  3. 3 soskinderdoerfer Mittwoch, 29. August 2007 um 8:21

    Lieber Werner,
    danke für die Frage. In den SOS-Kinderdörfern leben zum größten Teil Sozialwaisen, die aus verschiedenen Gründen nicht bei ihren leiblichen Eltern bleiben können. Die Entscheidung darüber, ob ein Kind fremd untergebracht wird, fällt aber nicht das Kinderdorf, sondern die öffentliche Jugendwohlfahrt. In vielen Fällen geschieht dies im Einverständnis mit den Eltern, in anderen per Gerichtsentscheid. Im SOS-Kinderdorf bekommen die Kinder ein neues Zuhause und die bestmögliche Unterstützung. Dabei ist es durchaus gewollt – und kommt nicht selten vor, dass die Kinder wieder in ihre Ursprungsfamilie zurückgeführt werden, wenn sich die Verhältnisse dort stabilisiert haben. Grundsätzlich steht das Wohl des Kindes im Mittelpunkt!
    Viele Grüße, Alexandra


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