Weniger putzen, mehr spielen

Könnt ihr euch an Thomas erinnern? Ich habe im Juni („Offene Türen“) von ihm erzählt. Thomas, 38 Jahre alt, macht die Ausbildung zum SOS-Kinderdorf-Vater – eine absolute Seltenheit. Auch Thomas hatte mal ganz andere Pläne, wie er mir im Interview erzählt hat.
Thomas, weißt du noch, was du früher mal werden wolltest?
Lokführer oder Pilot, wie viele Jungs.
Blogeintrag 9.8.2007Jetzt bist du ganz woanders gelandet.
Kann man wohl sagen – das hätte ich selbst nie gedacht!
Wie bist du auf die Idee gekommen, Kinderdorf-Vater zu werden?
Ich habe früher bei der Post gearbeitet, und als vor fünf Jahren mein Sohn zur Welt kam, blieb für die ersten zweieinhalb Jahre meine Frau zu Hause, anschließend ich für ein halbes Jahr. Das hat mir riesigen Spaß gemacht, so dass ich anschließend eine Ausbildung zum Tagesvater absolviert und zwei Jahre in dem Beruf gearbeitet habe. Dann habe ich eine Pflegekinder-Ausbildung angeschlossen und bald darauf eine Anzeige der SOS-Kinderdörfer gelesen …
… auf die du dich sofort beworben hast.

Ich habe erstmal einen Schnuppertag in einem Dorf verbracht, hatte aber gleich das Gefühl, dass ich hier richtig bin. Im Juni habe ich dann mit der Ausbildung begonnen.
Wie haben deine Freunde reagiert?
Die haben sich inzwischen daran gewöhnt, dass bei mir vieles anders läuft. Das war schon bei der Tagesvater-Ausbildung so, damals haben einige geglaubt, ich würde das nie zu Ende bringen.
Und wie wurdest du im Kinderdorf aufgenommen?

Die Kinder haben alle sehr positiv reagiert. Man findet ja zu jedem einen anderen Zugang: mit dem einen übers Fußball spielen, mit dem anderen übers Gespräch.
Welche Rolle spielt es dabei, dass du ein Mann bist?

Ich glaube, für die Kinder ist das kein Unterschied. Wichtig ist, dass man sich für sie interessiert.
Anders gefragt: Gibt es Dinge, die eine Mutter besser kann?
Frauen sind sicher die besseren Zuhörer, sie können sich oft besser einfühlen und viel geben.
Was kann ein Vater besser?
Da steht die spielerische Seite oft mehr im Vordergrund. Männer nehmen nicht alles so persönlich und können einen kameradschaftlichen Umgang mit den Kindern pflegen. Vielleicht putzen sie auch nicht ganz so viel und spielen stattdessen mehr mit den Kindern – um die geht es schließlich. Neben allen geschlechtsspezifischen Unterschieden hilft es mir, dass ich selbst als Pflegekind aufgewachsen bin. Ich weiß genau, wie sich das anfühlt!
Was sagt dein eigener Sohn zu der Vorstellung, seinen Vater bald teilen zu müssen?

Er kennt das ja schon aus der Tagesvater-Zeit. Auch jetzt kommt er oft mit, wenn ich zur Arbeit gehe – und beschwert sich an jedem Abend, wenn wir nach Hause müssen.
Und deine Frau?
Die steht hinter mir und wird mitziehen, wenn ich in drei Jahren hoffentlich mein eigenes Haus bekomme. Sie ist Aerobic-Lehrerin und will sich jetzt zur Heilpraktikerin ausbilden lassen. Da ergänzen wir uns gut. Aber klar ist, dass ich die Verantwortung für die Kinder tragen werde.
Wie stellst du dir euer Kinderdorf-Leben vor?
Ich wünsche mir, dass wir eine echte Familie sind, in der jeder die gleichen Rechte hat. Ich möchte viel mit den Kindern unternehmen, und auf keinen Fall immer als Lehrmeister auftreten. Wir können soviel von den Kindern lernen: sie sind oft so happy, so wissbegierig und haben so viel Energie. Wenn  wir alle harmonisch zusammenleben, bin ich zufrieden.

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4 Responses to “Weniger putzen, mehr spielen”


  1. 1 henriette Montag, 13. August 2007 um 13:29

    Liebe Alexandra,

    Du schreibst, dass Thomas eine absolute Seltenheit als SOS-Vater in Ausbildung ist. Weißt Du noch von anderen? Oder gibt es schon richtig arbeitende Väter bei SOS? Als Journalistin würde ich sehr gerne darüber berichten. Ich fände es toll, wenn Männer in Zukunft nicht die exotische Ausnahme im Kinderdorf blieben. Es klingt ja bei Thomas schon an, dass er bei sich zum Teil andere Stärken als bei seinen Kolleginnen sieht. Ganz sicher wird er das Dorfleben bereichern.
    … Und vielleicht würde ein Artikel ja auch den einen oder anderen Mann auf eine neue Berufsidee bringen.

    Schöne Grüße und erstmal schönen Urlaub,
    Henriette

  2. 2 Daniel Sonntag, 19. August 2007 um 13:00

    Liebe Alexandra!

    Als alleinerziehender Vater und leidenschaftlicher Hausmann kann ich diese Haltung „wenig putzen, mehr spielen“ nicht gänzlich teilen. Ich koche viel und das Putzen bleibt mir nicht erspart.

    Ansonsten eine wirklich gute Idee diesen Weblog ins Internet zu stellen. Weiterhin alles gute mit deinen 6 Besonderheiten 😉

    Gruß,
    Daniel

  3. 3 soskinderdoerfer Mittwoch, 29. August 2007 um 8:22

    Liebe Henriette,

    ich habe mal ein bisschen nachgeforscht: Es gibt außer Thomas noch einen weiteren Vater-Kandidaten im Kinderdorf Wienerwald. Bereits amtierende Väter gibt es offenbar in Europa und den USA noch keine. Immerhin wohnen vereinzelt Lebenspartner von Kinderdorf-Müttern mit im SOS-Kinderdorf, wie es ja auch in meiner Familie der Fall und eine große Bereicherung für uns alle ist. Also: Da besteht noch Nachholbedarf!
    Viele Grüße, Alexandra

  4. 4 bzirks Mittwoch, 12. September 2007 um 11:16

    Hallo Henriette,
    ich selbst bin auch in einem Kinderdorf groß geworden, allerdings nicht SOS, sondern in den Bethanien Kinderdörfern.
    Da ist es schon fast normal, dass auch Kinderdorfväter existieren.
    Google dich mal durch, dann findest du die Seite.
    LG BIanca


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