Archiv für August 2007

Gurken und zerbrochene Gläser

Was? Jetzt soll alles wieder beim Alten sein? Für Mario und Tobias, die beiden Kleinen, undenkbar! Eine Woche lang dauerte unser Urlaub in Saalbach, und wir haben es sehr genossen, so viel Zeit miteinander zu verbringen, zu spielen, zu wandern – ich hab’s ja letzte Woche erzählt. Zurück im Kinderdorf setzen Mario und Tobias alles daran, diesen Status zu erhalten: Sie toben, werfen sich auf den Boden und sind zornig, wenn die Mutti Wäsche waschen oder kochen oder aufräumen muss. Aber ehrlich gesagt: Dramatisch finde ich das nicht. Sie wären ja dumm, wenn sie es nicht ausprobieren würden! Ich bin sicher, das wird sich schnell wieder legen.

Blogeintrag 29.8.2007

Mit dem großen Dennis geht es wieder etwas besser, nachdem er ja im Urlaub äußerst aggressiv und destruktiv war. Nun ist er mir gegenüber plötzlich extrem liebenswert, malt mir Bilder oder schenkt mir einen Gutschein für fünf Mal Geschirrspüler ausräumen. Sobald er allerdings aus der Tür geht, sieht alles wieder anders aus. Dann zerbricht er in einem Nachbarhaus ein Glas, lässt die Scherben liegen und beschuldigt andere Kinder, es getan zu haben, so dass sich die Kinderdorf-Mutter bei mir beschwert, und am nächsten Tag will er die Kinder von nebenan aus unserem gemeinsamen Pool verjagen und mault deren Mutter an, dass sie ihm gar nichts zu sagen habe. Also spreche ich mit ihm über die Sache und erkläre ihm, dass er auf unserem Grundstück bleiben muss, wenn das nicht anders funktioniert – und sofort ist Dennis wieder nett und folgsam. Ich habe da so eine Vermutung: Mit seinen zehn Jahren kann er weder vor sich, noch vor anderen zugeben, dass er eigentlich ganz gerne bei der Mutti bleiben möchte. Deshalb stellt er gezielt etwas an, damit ich ihn dazu verpflichte, in meiner Nähe zu bleiben.

Ich denke, es wird uns allen gut tun, wenn in zwei Wochen Schule und Kindergarten wieder anfangen und unser Alltag wieder seinen Rhythmus bekommt. Bis dahin verbringen wir die Zeit damit, Ordnung zu schaffen, für die Schule zu lernen und den Urwald vor unserer Tür wieder in einen Garten zu verwandeln. Gestern haben wir die letzten Salatgurken geerntet; von denen hatten wir heuer so viele, dass wir sie bei weitem nicht alle essen konnten. Einige habe ich verschenkt, die restlichen habe ich zusammen mit Jacqueline zu Senfgurken eingekocht. Ist jemand an dem Rezept interessiert?

2 ½ Kg Gurken schälen, halbieren, die Kerne entfernen und die Gurken in 1-2 cm große Stücke schneiden. Einen Esslöffel Salz dazugeben und über Nacht stehen lassen. Im Sieb abtropfen lassen. Für den Sud ½ L Wasser und 1 ½ L Weißweinessig zusammen mit 375 Gr Zucker, 1 EL Senfkörnern und 3-4 kleinen Lorbeerblättern erhitzen, bis sich der Zucker aufgelöst hat. Das Ganze abseihen, aber die Gewürze aufheben. Nun den Sud zum Kochen bringen, acht geviertelte Schalotten, ein Stück in Scheiben geschnittenen frischen Meerrettich und die Gurken hinzugeben. Kurz aufkochen lassen. Die Gurken abwechselnd mit dem Meerrettich, den Schalotten und den Kräutern in ausgekochte Gläser schichten. Kühl aufbewahren und mindestens drei Wochen ziehen lassen.

Guten Appetit  wünscht Alexandra

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„Stopp!“

Sind wir nun eine Familie oder sind wir keine? Kaum bin ich aus dem Urlaub zurück, da geht es wieder zur Sache…

Ägypten war großartig: Nilkreuzfahrt, Schnorcheln im Roten Meer, das Tal der Könige – ich habe mich richtig erholt, auch, wenn ich oft an Zuhause gedacht habe und manchmal nahe dran war anzurufen. Umso schöner war es dann, die Kinder wiederzusehen. Jacqueline lief gleich auf mich zu und erzählte mir stolz, dass es allen Blumen gut gehe – die hatte sie in meiner Abwesenheit versorgt und ihre Aufgabe sehr ernst genommen.

Blogeintrag 22.8.2007Wäre nur alles so gelaufen! Leider müssen die letzten Tage vor meiner Rückkehr furchtbar gewesen sein, so dass Marion, unsere Familienhelferin, nun heilfroh war, das Haus wieder an mich übergeben zu können. Die Kleinen waren in alte Verhaltensmuster zurückgefallen, Mario weigerte sich zum Beispiel plötzlich wieder, aufs Töpfchen zu gehen. Richtig schwierig war es offenbar mit dem großen Dennis. Er ist Marion gegenüber ausfallend geworden, hat Dinge versteckt oder mitgehen lassen, sich nichts sagen lassen und ist auch anderen Kinderdorf-Müttern gegenüber frech geworden. Es ist oft so, dass die Kinder verunsichert reagieren, wenn ich mal nicht da bin, aber bei Dennis bin ich mir diesmal nicht sicher: Es gab ja in den letzten Monaten immer wieder Probleme.

Auf alle Fälle hatten wir geplant, einen Tag nach meiner Ankunft alle zusammen gleich wieder loszufahren, da wir eine Woche Urlaub in einem Hotel in Saalbach-Hinterglemm gewonnen hatten, und nun bot mir unser Dorfleiter an, Dennis, wenn notwendig, für die Woche in einer anderen Kinderdorf-Familie unterzubringen. Aber das kam für mich nicht in Frage: Wir sind eine Familie, und Dennis gehört dazu, ganz egal, wie er sich benimmt!

So sind wir also vor drei Tagen in Saalbach angekommen, und Dennis: versteckt seine Zahnspange, verwüstet unsere Betten, läuft bei Wanderungen bewusst langsam hinter uns her oder beschmeißt uns mit Tannenzapfen. Die Kinder ignorieren ihn total, und ich habe das eine oder andere Mal schon Konsequenzen gezogen. Zum Beispiel durfte er die Sommerrodelbahn nicht mit runterfahren. Das war sicher hart für ihn – für mich war es das auch. Trotzdem ist es mir wichtig, Dennis klar zu machen: „So geht es nicht!“ In solchen Fällen bin ich froh, dass ich meinen Partner Erwin habe, mit dem ich mich besprechen kann.  Er hält sich meist aus den Streitereien heraus, so dass Dennis in ihm immer noch jemanden hat, mit dem er reden kann. Nur wenn Dennis mich wüst beschimpft oder handgreiflich wird, mischt sich Erwin ein. Dann reicht meist ein energisches „Stopp!“, und der Junge ist schlagartig ruhig.

Auf alle Fälle sind wir anderen fest entschlossen, uns den Urlaub nicht vermiesen zu lassen, dafür ist die Zeit zu kostbar: eine ganze Woche, in der ich mich weder ums Kochen noch um die Wäsche kümmern muss! Wir gehen viel Wandern, in die Eisriesenwelt, die Teufelsklamm, schauen uns Burg Hohenwerfen an, und am Abend spielen wir Karten. Manchmal denke ich dann an unseren großen Traum: einmal alle zusammen eine Flugreise machen. Wir sparen, sparen, sparen, und irgendwann werden wir im Flieger sitzen, ganz sicher.

Weniger putzen, mehr spielen

Könnt ihr euch an Thomas erinnern? Ich habe im Juni („Offene Türen“) von ihm erzählt. Thomas, 38 Jahre alt, macht die Ausbildung zum SOS-Kinderdorf-Vater – eine absolute Seltenheit. Auch Thomas hatte mal ganz andere Pläne, wie er mir im Interview erzählt hat.
Thomas, weißt du noch, was du früher mal werden wolltest?
Lokführer oder Pilot, wie viele Jungs.
Blogeintrag 9.8.2007Jetzt bist du ganz woanders gelandet.
Kann man wohl sagen – das hätte ich selbst nie gedacht!
Wie bist du auf die Idee gekommen, Kinderdorf-Vater zu werden?
Ich habe früher bei der Post gearbeitet, und als vor fünf Jahren mein Sohn zur Welt kam, blieb für die ersten zweieinhalb Jahre meine Frau zu Hause, anschließend ich für ein halbes Jahr. Das hat mir riesigen Spaß gemacht, so dass ich anschließend eine Ausbildung zum Tagesvater absolviert und zwei Jahre in dem Beruf gearbeitet habe. Dann habe ich eine Pflegekinder-Ausbildung angeschlossen und bald darauf eine Anzeige der SOS-Kinderdörfer gelesen …
… auf die du dich sofort beworben hast.

Ich habe erstmal einen Schnuppertag in einem Dorf verbracht, hatte aber gleich das Gefühl, dass ich hier richtig bin. Im Juni habe ich dann mit der Ausbildung begonnen.
Wie haben deine Freunde reagiert?
Die haben sich inzwischen daran gewöhnt, dass bei mir vieles anders läuft. Das war schon bei der Tagesvater-Ausbildung so, damals haben einige geglaubt, ich würde das nie zu Ende bringen.
Und wie wurdest du im Kinderdorf aufgenommen?

Die Kinder haben alle sehr positiv reagiert. Man findet ja zu jedem einen anderen Zugang: mit dem einen übers Fußball spielen, mit dem anderen übers Gespräch.
Welche Rolle spielt es dabei, dass du ein Mann bist?

Ich glaube, für die Kinder ist das kein Unterschied. Wichtig ist, dass man sich für sie interessiert.
Anders gefragt: Gibt es Dinge, die eine Mutter besser kann?
Frauen sind sicher die besseren Zuhörer, sie können sich oft besser einfühlen und viel geben.
Was kann ein Vater besser?
Da steht die spielerische Seite oft mehr im Vordergrund. Männer nehmen nicht alles so persönlich und können einen kameradschaftlichen Umgang mit den Kindern pflegen. Vielleicht putzen sie auch nicht ganz so viel und spielen stattdessen mehr mit den Kindern – um die geht es schließlich. Neben allen geschlechtsspezifischen Unterschieden hilft es mir, dass ich selbst als Pflegekind aufgewachsen bin. Ich weiß genau, wie sich das anfühlt!
Was sagt dein eigener Sohn zu der Vorstellung, seinen Vater bald teilen zu müssen?

Er kennt das ja schon aus der Tagesvater-Zeit. Auch jetzt kommt er oft mit, wenn ich zur Arbeit gehe – und beschwert sich an jedem Abend, wenn wir nach Hause müssen.
Und deine Frau?
Die steht hinter mir und wird mitziehen, wenn ich in drei Jahren hoffentlich mein eigenes Haus bekomme. Sie ist Aerobic-Lehrerin und will sich jetzt zur Heilpraktikerin ausbilden lassen. Da ergänzen wir uns gut. Aber klar ist, dass ich die Verantwortung für die Kinder tragen werde.
Wie stellst du dir euer Kinderdorf-Leben vor?
Ich wünsche mir, dass wir eine echte Familie sind, in der jeder die gleichen Rechte hat. Ich möchte viel mit den Kindern unternehmen, und auf keinen Fall immer als Lehrmeister auftreten. Wir können soviel von den Kindern lernen: sie sind oft so happy, so wissbegierig und haben so viel Energie. Wenn  wir alle harmonisch zusammenleben, bin ich zufrieden.

Post für Dennis

Warum haben viele Jungen und Mädchen in den SOS-Kinderdörfern ein Thema mit ihrem Selbstbewusstsein? Das erklärt sich aus ihrer Geschichte. Manche wurden von ihren Eltern abgewertet, indem sie vernachlässigt, eingesperrt oder geschlagen wurden, und alle mussten sie ihre Eltern aus den unterschiedlichen Gründen verlassen. Oft geben sich die Kinder selbst die Schuld daran: „Wäre ich nur brav gewesen, dann wäre alles anders gekommen. Dass ich nicht mehr bei meinen Eltern leben kann, ist der Beweis dafür, dass ich nichts wert bin.“ Man darf ja nie vergessen, dass die Kinder ihre leiblichen Eltern lieben – ganz egal, was diese getan haben. Deshalb ist jeder kleine Erfolg für sie so wertvoll: dass der kleine Dennis ohne Windeln auskommt (s. Text von letzter Woche) Und dass der große Dennis diese Woche ein Paket bekommen hat. Er hatte wie viele Kinder, nicht nur des Kinderdorfes, sondern aus dem ganzen Land, an einem Zeichenwettbewerb teilgenommen. Es ging darum, ein Design für den Rennwagen des österreichischen Ralleyfahrers Manfred Stohl zu entwerfen. Dennis hat eine Begabung für so etwas, und tatsächlich ist er unter die besten 18 gekommen! In dem Paket war ein Modellauto, das er seitdem hütet wie seinen Augapfel, und ein Glückwunsch-Brief, der für jedermann sichtbar an der Pinnwand hängt.

Blogeintrag 1.8.2007

Auch Jacqueline hat etwas geschafft: Sie war zwei Wochen im SOS-Zeltlager in Caldonazzo, Italien – und hat es richtig genießen können. Im letzten Jahr war das noch nicht so, da kam sie wieder und ist in viele alte Verhaltensmuster zurückgefallen. Zwar war sie auch in diesem Jahr überglücklich, wieder zu Hause zu sein, aber sie hat begeistert von Tretbootfahrten, Grillabenden, einer Wanderung durch ein Flussbett und einem Tischtennis-Spiel mit unserem Dorfleiter erzählt und war guter Stimmung. Tja, und dann ist sie heute doch noch krank geworden. Den Grund kenne ich ziemlich genau: Morgen fahre ich nach einem Jahr endlich mal wieder in den Urlaub. Mit Erwin, meinem Partner, und Sebastian, meinem leiblichen Sohn, fliege ich nach Ägypten. Die anderen Kinder bleiben im Dorf und werden von einer Familienhelferin und einer Praktikantin betreut. Beide Frauen haben schon oft bei uns mitgeholfen, und die Kinder mögen sie richtig gern, aber dennoch ist es für sie jedes Mal extrem schwer, mich gehen zu lassen. Die Jungs sind aggressiv und Jacqueline kann sich da so reinsteigern, dass sie Fieber bekommt oder Ohrenschmerzen. Diesmal hat sie sich übergeben müssen.

Kleine Überraschung
Es ist nicht leicht, in so einer Situation abzufahren, aber würde ich nachgeben, käme ich nie weg! Ich habe jetzt schon 86 Urlaubstage und 18 Überstundentage angesammelt, und ich muss ehrlich sagen, dass ich dringend Entspannung brauche.

Bis zu unserer Abfahrt ist noch eine Menge zu tun. Ich muss nicht nur meinen Koffer packen, sondern auch die Koffer sämtlicher Kinder, da wir zwei Tage nach meiner Rückkehr bereits wieder losfahren: für eine Woche nach Saalbach-Hinterglemm, diesmal alle zusammen. Die Reise wurde unter uns Kinderdorf-Familien verlost, und wir hatten das Glück! Aber ich weiß genau, dass die kurze Zeit zwischen meiner Rückkehr und der Abfahrt nie reichen würde, um alles zu packen.

Den Kindern werde ich morgen noch ein kleines Überraschungs-Geschenk auf ihre Betten legen, und dann geht es los zum Flughafen.

Bis bald, Alexandra

Übrigens: Nächste Woche wird es trotzdem einen neuen Eintrag geben. Ich habe etwas vorbereitet – und bin gespannt auf euer Feedback.


DANKE

Nach einem guten Jahr habe ich dieses Weblog abgeschlossen. Ich möchte mich bei allen Lesen und Kommentatoren für die rege Teilnahme und Diskussion bedanken. Die bisher erschienen Einträge werden Sie weiterhin hier finden. Viele Grüße, Alexandra

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