Archiv für Juli 2007

„Mit ohne Windel“

Dennis (der kleine) hat sich so gefreut! Er war so glücklich, dass er allen erzählen musste, was los war, selbst den Katzen im Dorf hat er es zugeflüstert. Beugte sich runter, streichelte sie und sagte mit ernster Miene: „Ich gehe jetzt mit ohne Windel ins Bett!“ Am schönsten finde ich, dass er selbst den Anstoß dazu gegeben hat. Nachdem ich vor ein paar Wochen mit dem großen Dennis für eine Zeitlang die Tage mit Punkten bewertet hatte (s. Eintrag vom 6.Juni), war der kleine Dennis zu mir gekommen und wollte unbedingt auch so was machen. Wir entschieden uns dafür, dass er statt Punkte zu bekommen seinen fünf Jahren entsprechend Waggons anmalen durfte – für jede Nacht, in der er ohne Windel auskommen würde, einen. Gleich in der ersten Nacht blieb das Bett trocken, und an unserem Zug hängen mittlerweile viele bunte Waggons. Nun müssen wir das Ganze noch zum Abschluss bringen. In zwei Wochen habe ich eine Bahnfahrt vor mir, da werde ich Dennis Zug mitnehmen und ins Abteil legen. Wir schicken ihn auf Reisen.

Blogeintrag 25.7.2007

Wie wichtig so ein Erfolg für Dennis ist, und wie schnell sein Gleichgewicht auch wieder ins Wanken gerät, habe ich ein paar Tage später gesehen. Der dreijährige Mario war für ein paar Schnuppertage mit im Kindergarten. Für Dennis war das ungeheuerlich. Schließlich ist es sein Kindergarten! Seine eigene kleine Welt, zu der kein anderes Familienmitglied Zutritt hat. Er hat getobt und ist massiv auf Mario losgegangen, so dass ich die beiden schließlich trennen musste. Dennis war überhaupt nicht ansprechbar, also habe ich bis zum Abend gewartet, um ihm in einem ruhigen Moment zu erklären, warum nun auch Mario in den Kindergarten kommt und dass ihm dadurch nichts weggenommen wird.

Jacqueline geht allen ab
Mario und Tobias, die beiden Kleinen, hatten fast das gleiche Problem. Normalerweise verbringe ich die Vormittage mit ihnen alleine, und nun mussten sie plötzlich diese heilige Zeit mit den Großen teilen, da diese Ferien haben. Auch sie reagierten ungehalten und warfen sich auf den Boden, sobald etwas nicht passte. Um die Sommerstimmung komplett kippen zu lassen, schlossen sich die Großen auch noch an. Ich denke, dass die extreme Hitze viel dazu beigetragen hat, aber auf alle Fälle haben sie sich von morgens bis abends gestritten und gerauft, mal untereinander, mal haben sie den Kleinen das Spielzeug weggenommen, so dass ich irgendwann kräftig losgebrüllt habe – ohne Erfolg. Wusste ich natürlich auch schon vorher, dass das nichts bringt, aber man ist ja nicht immer so schlau. Erst als ich auf das Wort „Mutti“ gar nicht mehr reagiert habe, beruhigte sich die Situation.

Gemeinsam haben wir dann noch versucht, Jacqueline anzurufen, die ja immer noch im Feriendorf der SOS-Kinderdörfer am Caldonazzo-See ist und uns allen abgeht! Unter den Kindern ist es Sebastian, mein leiblicher Sohn, der sie am meisten vermisst, und so war er ganz enttäuscht, dass wir nur einen Betreuer erreichten, der uns aber sagte, dass es Jacqueline gut gehe und sie viel Spaß habe. Und am Freitag kommt sie ja auch schon wieder. Schön!

Unter Müttern

Eine unserer Mütter wird nächsten Monat zwei neue Kinder aufnehmen, und wie immer in so einem Fall ist das ganze Dorf schwanger! Abends sitzen wir jetzt manchmal zusammen auf der Terrasse, genießen die warme Sommerluft, trinken ein Glas Wein und stellen uns vor, wie es wird; ihre Freude ist genauso ansteckend wie ihre Aufregung, und gemeinsam überlegen wir, was sie alles vorbereiten muss. Meistens bringen die Kinder ja nicht viel mit. Meine beiden Jüngsten kamen im Pyjama, das war alles, was sie hatten – sie waren vorher im Krankenhaus. Zum Glück gibt es bei uns im Dorf eine Kleiderkammer, hauptsächlich aus Spenden bestückt, aus der wir uns bedienen können. Die meisten Kleidungsstücke meiner Kinder stammen daher, nur einige wenige Stücke kaufe ich neu, ihr Schulgewand zum Beispiel. Es ist für sie mit ihrer speziellen Geschichte sowieso nicht immer leicht gegenüber ihren Klassenkameraden zu bestehen, und da muss man es ihnen nicht noch schwerer machen, indem sie „uncoole“ Hosen oder T-Shirts tragen sollen.

Randalierende Teenager

marcelNaja, und dann spekulieren wir Mütter so weiter, wie wohl die zwei Neuen mit der Eingewöhnung klar kommen und wie die großen Kinder reagieren werden. Solche Gespräche sind oft extrem hilfreich. Wir haben ja in unseren Kinderdorf-Familien alle mit ähnlichen, nicht immer einfachen Situationen zu tun und da tut es gut festzustellen: den anderen geht es genauso! Und man ist für manchen Ratschlag dankbar. Was tut man zum Beispiel, wenn die jugendliche Tochter durchs Dorf zieht und die Blumenkästen umschmeißt? Vor kurzem so passiert – und Diskussionspunkt unserer Mütterrunde, die wir jeden Monat reihum in einem Familienhaus abhalten. Wichtig ist, dass das Mädchen spürt, dass sein Verhalten unter keinen Umständen toleriert wird. Es wurde schließlich dazu verpflichtet, soziale Dienste zu leisten – was durchaus seine Wirkung hat: Wenn man an einem schönen Sommertag gemeinsam mit einem pädagogischen Betreuer den Sportplatz säubern muss, während die Freundinnen zum See gehen, überlegt man sich vielleicht doch, ob man die Blumenkästen beim nächsten Mal besser stehen lässt.

Die Themen gehen uns in der Mütterrunde jedenfalls nicht aus. Die eine erzählt von ihrer Fortbildung, bei der es darum ging, wie man neue Mütterkandidatinnen, die im Haus mitarbeiten, anleitet, die andere schlägt vor, die Dorfregeln zu erweitern: Die Kinder sollen nicht mit dem Fahrrad durch die Wiesen fahren und immer einen Helm tragen. Die nächste möchte, dass wir neue Volleyballnetze kaufen – was unsere Müttersprecherin – die haben wir auch – dann schließlich dem Chef, unserem Dorfleiter, vorschlägt. In der Regel werden unsere Wünsche berücksichtigt, sie sind aber auch immer recht harmlos. Anders bei den Kindern: Wenn man sie fragt, dann hätten sie gerne einen eigenen Tennisplatz. Oder ein Schwimmbad – da würde ich jetzt bei der Hitze auch sofort reinspringen. Aber wir wollen ohnehin später noch an den See gehen. Ein bisschen abkühlen und den Sommer genießen!

Abschiede

maedchen-wippe.jpgGestern ist Jacqueline weggefahren. Der Reisebus ist ins Dorf gekommen, wir haben zugesehen, wie ihr Koffer verstaut wurde, dann ist sie schweren Herzens, aber sehr tapfer, eingestiegen. Jacqueline fällt es nie leicht, sich von ihrem Zuhause zu trennen, aber diesmal ist ihre beste Freundin mit dabei, und ich weiß genau, dass es ihr gefallen wird, wenn sie mal am Ziel ist: in Caldonazzo. Für viele Jungen und Mädchen, die im SOS-Kinderdorf aufwachsen, hat dieser Name einen geradezu magischen Klang. Caldonazzo, dieser Ort in Norditalien am gleichnamigen See gelegen, ist für sie der Inbegriff von Sommer, Spaß und Ausgelassenheit.

Seit über 50 Jahren verbringen Kinder aus allen SOS-Kinderdörfern Europas hier in einem riesigen Zeltlager ihre Ferien, während ihre Mütter Urlaub machen. Naja, die meisten Mütter… Ich habe in den letzten Jahren meist auf die kleinen Kinder aufgepasst, die noch nicht zur Schule gehen, also auch noch nicht mit dabei sind. Und in diesem Jahr ist Jacqueline die einzige unserer Familie, die nach Caldonazzo gefahren ist. Mario, Tobias und der kleine Dennis sind noch zu jung, Sebastian kann als mein leiblicher Sohn selbst entscheiden, ob er mitfährt – er wollte lieber zu Hause bleiben – und der große Dennis hat im letzten Jahr einige schwere Zeiten gehabt und wollte auf gar keinen Fall weg.

Briefe nach Hause

Es gibt einige Kinder, denen es so geht. Einmal war ich selbst als Betreuerin mit in „Caldo“, und ich habe sowohl Jungen und Mädchen erlebt, die am liebsten ewig bleiben wollten, als auch solche, die großes Heimweh hatten und viele Briefe nach Hause schrieben. Ich denke, wenn man die Lebensgeschichte der Kinder berücksichtigt, die ja alle die Trennung von ihren leiblichen Eltern verkraften müssen, wundert es nicht, dass es vielen von ihnen schwer fällt, sich von ihren Kinderdorf-Familien zu verabschieden, und sei es nur für kurze Zeit. Auch Jacqueline wird nur zwei Wochen statt wie die meisten Kinder 4 1/2 Wochen bleiben.

So verbringen wir also mehr oder weniger alle zusammen unsere Ferien zuhause, picknicken im Garten, baden im See oder sitzen im Planschbecken. Im Dorf ist es jetzt viel ruhiger, es gibt keine Besucher und vor allem keine Schulaufgaben – eine schöne Zeit! Noch ist es allerdings nicht ganz so weit, wir befinden uns nämlich im großen Hausputz. Ich wasche die Vorhänge, lüfte Matratzen, räume den Keller auf, die Kinder waschen ihre Legosteine, sortieren kaputtes Spielzeug aus, solange, bis alles blitzt. Und nebenbei muss ich noch meine monatliche Wirtschaftsgeldabrechnung fertig machen. Auch das ist Teil meiner Arbeit. Jede einzelne Ausgabe wird verbucht, ob für Lebensmittel, Schulhefte, Taschengeld oder Busfahrten. Das ist manchmal lästig, aber sinnvoll: Als Spendenorganisation müssen wir nachweisen können, wofür wir das Geld ausgeben, und auch ich selber finde es hilfreich, einen genauen Überblick zu haben.

Also, dann leg ich mal wieder los.
Bis nächste Woche, Alexandra


DANKE

Nach einem guten Jahr habe ich dieses Weblog abgeschlossen. Ich möchte mich bei allen Lesen und Kommentatoren für die rege Teilnahme und Diskussion bedanken. Die bisher erschienen Einträge werden Sie weiterhin hier finden. Viele Grüße, Alexandra

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