Archiv für Juni 2007

Da ist jemand!

Der Tag war da: Ein kleiner Junge und eine sehr angespannte Mutter sind morgens um fünf aufgestanden und nach Salzburg in die Klinik gefahren. Mario sollte endlich seine kaputten Zähne gezogen bekommen. Ich war auf alles gefasst: Panik oder Aggression. Mario war, bevor er zu uns kam, schon einmal für längere Zeit im Krankenhaus gewesen, und ich hatte keine Ahnung, was die Erinnerung daran bei ihm auslösen würde. Und nun stand er da, lächelnd und vertrauensvoll, solange ich nur an seiner Seite war. Wir hatten seinen Arztkoffer mitgenommen und er machte gleich Gebrauch davon, untersuchte erst mich und dann eine Krankenschwester und war bald der Mittelpunkt des Krankenhauses. Anschließend bekam er ein Beruhigungsmittel, von dem fast alle Kinder einschlafen – nur nicht Mario. Er wehrte sich bis zum Schluss dagegen. Ich habe mich dann zu ihm ins Bett gelegt, und er hat die Narkose bekommen.

Blogeintrag 28.6.2007Es war grauenhaft, ihn so daliegen zu sehen, aber die Operation ist gut verlaufen. Wir wussten ja schon, dass Mario einige Zähne gezogen bekommen müsste, weil sie durch die frühere schlechte Ernährung verfault und teilweise eitrig waren. Nun sind bis auf die wichtigen Platzhalter die meisten Zähne draußen.

Mario hat alles gut überstanden, war auch nach der Operation sehr fröhlich. Nur am Abend, als das Schmerzmittel nachließ, hat er plötzlich sehr extrem reagiert und mit dem Kopf gegen eine Kiste geschlagen. Ich habe ihm dann noch mal etwas gegen die Schmerzen gegeben und es ging ihm schnell wieder besser. Bald darauf merkte man schon, wie erleichternd es für ihn war, nun endlich von diesem dauerhaften Entzündungsherd befreit zu sein.

Nach diesem Ereignis war alles andere halb so wild, auch, wenn die Woche dicht gefüllt war: Sebastian wollte unbedingt, dass ich ihn zum Fußball-Turnier begleite, Jacqueline mit mir Kuchen backen und Dennis hat mich gebeten, doch bitte an seinem Schulausflug teilzunehmen.

Das Fußballturnier habe ich schon hinter mir. Wir Mütter mussten sogar selber spielen – und haben uns richtig ins Zeug gelegt. Mit dem Kuchen, das sehe ich gelassen: Jacqueline geht zwar ständig mit ihrer Schüssel in den Garten, um Himbeeren und Johannisbeeren zu pflücken, aber sie bringt nie mehr als ein paar Beeren mit – offenbar schmecken sie frisch vom Strauch doch am besten… Nur mit Dennis Schulausflug, das wird terminlich nicht klappen, das holen wir dann nach. In den letzten zwei Wochen vor den Ferien finden ohnehin noch einige Ausflüge statt. Für meine Kinder ist es wichtig, dass ihre Mitschüler sehen: Da ist jemand, der sich um sie kümmert, auch, wenn es nicht die leiblichen Eltern sind; Dennis zum Beispiel ist früher das eine oder andere Mal schräg angeredet worden, weil er im Kinderdorf lebt, aber das hat sich gelegt, seit ich versuche, regelmäßig in der Schule aufzutauchen. Ich habe es mir auch zur Regel gemacht, bei jedem der Kinder mindestens einmal im Jahr einen Wandertag zu begleiten – und wenn man dann noch als Mutter einen Spruch macht, gilt man geschwind als ziemlich cool. Das findet Dennis natürlich am allerbesten.

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Kennst du Gott?

Im nächsten Jahr wird der kleine Dennis eingeschult, vorher möchten wir ihn gerne taufen lassen, das habe ich mit seiner leiblichen Mutter so ausgemacht. Wir beide haben im Laufe der Jahre ein sehr gutes, vertrauensvolles Verhältnis aufgebaut, so dass wir uns über solche Entscheidungen in Ruhe unterhalten können. Es ist schön zu erleben, wie sehr sich gerade diese Mutter bemüht. Nach anfänglicher Distanzierung besprechen wir mittlerweile vieles: wie sich Dennis entwickelt hat, was sie mit ihm spielen kann, und sie fragt mich um Rat, wenn Dennis in ihrer gemeinsamen Zeit aggressiv wird. Es kommt auch vor, dass sie ihren Sohn auffordert, doch bitte auf mich zu hören. Für die Kinder ist das eine große Hilfe, wenn Pflegeeltern und leibliche Eltern zusammenarbeiten.

Blogeintrag 21.7.2007

Wahrscheinlich wird es mit der Taufe so aussehen, dass wir gemeinsam zum Pfarrer gehen, aber sie das Taufgespräch führt und ich eher im Hintergrund bleibe. Außer Sebastian und mir sind alle Mitglieder unserer Familie katholisch. Das hat zur Folge, dass wir mal in die evangelische und mal in die katholische Kirche gehen, allerdings nicht jeden Sonntag. Zur Ausbildung einer SOS-Kinderdorf-Mutter gehört auch die Religionspädagogik, aber welchen Stellenwert die religiöse Erziehung innerhalb der Familie bekommt, entscheidet jede Mutter selber. Ich kenne Familien, in denen das sehr viel strenger gehandhabt wird. Generell gilt, dass die SOS-Kinderdörfer überkonfessionell sind, bei der Aufnahme eines Kindes spielt es also keine Rolle, welcher Religion es angehört. Bei uns im Dorf lebten zum Beispiel bis vor einiger Zeit drei muslimische Kinder, da wurde dann mittags teilweise etwas anderes für sie gekocht.

Ich selbst war einmal Tischmutter für einen Kreis von Kommunionskindern, zu denen unser Dennis (diesmal der große) gehörte. Das fand ich sehr spannend. Ich habe mit den Kindern übers Brot brechen und das Brot als Symbol des Lebens gesprochen. Ich habe da keine Berührungsängste, warum auch: wir haben alle denselben Gott.

Im Regal habe ich ein dickes, großes Buch über die Religionen der Welt stehen, in das ich schon oft mit den Kindern hineingeguckt habe. Sie haben zumindest eine gewisse Ahnung und wissen zum Beispiel, dass es den Buddhismus gibt. Neulich haben sie mich gefragt, ob ich Gott schon mal gesehen habe. Was sagt man da? Ich habe ihnen erklärt, dass Gott keine leibhaftige Person ist, der man begegnen kann, aber dass sehr viele Menschen an ihn glauben. Ich gehöre auch dazu. Wie sie selbst dazu stehen, müssen die Kinder im Laufe der Zeit herausfinden.

Offene Türen

Nach fast drei Monaten ist dieses Tagebuch inzwischen fester Bestandteil meines Alltags geworden; ich freue mich auch immer wieder über die vielen Kommentare. An Tagen, an denen bei mir alles drunter und drüber geht, tut es gut zu lesen, dass auch andere Kinder, die in „normalen“ Familien aufwachsen, schwierig sein können.

Einige Male kam nun schon die Frage, ob denn die Privatsphäre der Kinder und der leiblichen Eltern gebührend berücksichtigt werde. Ich habe immer wieder darüber nachgedacht und bin der Meinung, das wird sie. Ich versuche, unser Leben so authentisch wie möglich zu schildern, bin aber trotzdem bemüht, im Hier und Jetzt zu bleiben und nicht zu sehr auf die Vergangenheit der Kinder einzugehen. Meine vier Großen kennen das Blog, und ich habe jeden einzelnen Beitrag so verfasst, dass ihn auch die Kinder lesen können, ohne dass er ihnen unangenehm wäre. Ich würde nie etwas preisgeben, das sie oder ihre leiblichen Eltern bloßstellen oder verletzen würde, das wissen sie. Es ist ihnen auch sehr bewusst, dass ganz viele Menschen Woche für Woche auf diese Weise erfahren, was gerade in unserer Familie passiert, und manchmal, glaube ich, sind sie sogar ein wenig stolz darauf.

kinderimpool1.jpgIch selbst sehe den Sinn dieses Tagebuches vor allem darin, denjenigen, die es interessiert, einen tieferen Einblick in die Organisation „SOS-Kinderdörfer“ und konkret in eine Familie zu geben. Es gibt viele Menschen, die uns mit ihren Spenden und Patenschaften unterstützen, ohne sie gäbe es uns gar nicht, und ich finde, dass sie ein Recht darauf haben, zu wissen, wofür sie ihr Geld herschenken. Dafür öffne ich gerne unsere Tür! Natürlich ist nicht jede Familie gleich – wir Kinderdorf-Mütter können unseren Alltag sehr autonom und individuell gestalten – dennoch gibt es ein Grundgerüst und viele Themen, die wohl in jeder Kinderdorf-Familie der Welt zu finden sind.

Und jetzt habe ich noch etwas zu erzählen, das für uns alle ziemlich neu ist: Wir haben einen Vaterkandidaten! Thomas war heute zum ersten Mal bei uns im Haus und wird ab sofort zweimal die Woche kommen. Er hat vor kurzem mit der Ausbildung begonnen, und wenn alles nach Plan läuft, wird er in drei Jahren seine eigene Familie gründen. Damit ist er eine Rarität – ich selbst kenne keinen einzigen SOS-Kinderdorf-Vater.

Leider verlief sein erster Tag nicht so toll. Ich habe das schon geahnt: Sobald jemand neues ins Haus kommt, reagieren die Kinder extrem. Sie sind aggressiv, probieren aus, wie weit sie gehen können. Dahinter stecken verschiedene Gründe, auch Unsicherheit: Welchen Platz nimmt denn der jetzt ein? Muss ich mich gegen ihn behaupten? Und wenn jetzt jemand anderes da ist, wird dann die Mutti gehen? Für Thomas war es natürlich auch nicht leicht, deshalb habe ich ihm immer wieder gesagt, dass er das Verhalten der Kinder bloß nicht persönlich nehmen soll. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es sich wieder ändern wird, sobald ihnen Thomas vertrauter ist und sie merken, dass er keine Gefahr darstellt, sondern vielleicht sogar eine Bereicherung. Mehr davon demnächst.

Bunte Punkte für den Tag

Letzte Woche war es soweit: Ich bin mit Mario für seine große Zahn-Operation ins Krankenhaus nach Salzburg gefahren – und dann wurde die OP nach der ganzen Aufregung noch einmal verschoben. Also haben wir uns stattdessen einen schönen Tag in Salzburg gemacht, und den werde ich so schnell nicht vergessen. Es war Marios Tag.

Seit er bei uns ist, hat er große Fortschritte auf allen Ebenen gemacht, das hat gerade wieder der Kinderfacharzt bestätigt: Sein Wortschatz ist deutlich gewachsen, und er hat gelernt, seine Gefühle und Bedürfnisse auszudrücken. Er kann es zum Beispiel sagen, wenn er Hunger hat oder müde ist. Früher hat er sich stattdessen auf den Boden geschmissen, und ich konnte rätseln, was los war. Inzwischen fühlt er sich bei uns sicher und zu Hause und ist deutlich ausgeglichener geworden.

Und nun Salzburg – für Mario ein Wunderland: „Schau, Mutti, so viele Busse!“ Und: „Schau, Mutti, eine Pferdekutsche!“ Er war kaum zu halten vor Freude und Begeisterung; das war so ansteckend, dass wir beide bald nur noch strahlten. Wir gingen zum Salzachufer und fütterten die Enten, anschließend bekam er ein riesiges Eis – noch eine Sensation, aber der Höhepunkt war für den Kleinen die Heimfahrt mit dem Zug. Kein noch so teures Geschenk hätte ihn wohl so glücklich kinderamtisch.jpgmachen können wie dieser ungeplante Ausflug, bei dem er ganz allein im Mittelpunkt stand. Die Zahn-OP steht uns natürlich trotzdem noch bevor, ich werde berichten.

An den übrigen Tagen haben wir erst die Sonne und später den Regen genossen: Als es so heiß war, haben wir weiter an unserem Gartenteich gearbeitet und in einem alten Boot ein Kräuterbeet angelegt. Irgendwann kamen dann doch die dunklen Wolken, und wir waren alle richtig froh. Normalerweise sind die Kinder bei schlechtem Wetter nur schwer zu beschäftigen, aber diesmal genossen sie es zu faulenzen oder ausgiebig zu malen. Und ich habe die Gelegenheit genutzt, mit Dennis, meinem Ältesten, mit dem es ja in den letzten Wochen ziemlich schwierig war, einen Plan zu entwerfen. Wir haben zusammen eine Liste mit verschiedenen Aufgabenbereichen erstellt. Da geht es darum, dass er zum Beispiel alleine an seine Zahnspange denken soll und selbständig duschen geht, dass er seine Schularbeiten erledigt und einen angemessenen Umgangston pflegt. Jeden Abend setzen wir uns nunboot.jpg hin und bewerten den Tag. Die einzelnen Bereiche bekommen bunte Punkte. Meistens sind wir uns einig, aber es kommt auch vor, dass wir heiß diskutieren: „Mein Umgangston war doch anständig!“ – „Na, heute Morgen warst du ziemlich patzig!“ Mal überzeuge ich Dennis, mal hat er die besseren Argumente. Am Monatsende bekommt er, je nachdem, wie viel gute Punkte er gesammelt hat, eine kleine Belohnung.

Mir scheint das ein guter Weg zu sein, und Dennis ist ganz engagiert dabei. Jetzt hat mich auch schon der kleine Dennis gefragt, ob er nicht auch so einen Plan haben könne. Den bekommt er. Seinem Alter entsprechend, möchte ich eine Eisenbahn auf ein großes Blatt Papier malen, und für jeden Tag, der gut gelaufen ist, darf er einen Waggon aufkleben.


DANKE

Nach einem guten Jahr habe ich dieses Weblog abgeschlossen. Ich möchte mich bei allen Lesen und Kommentatoren für die rege Teilnahme und Diskussion bedanken. Die bisher erschienen Einträge werden Sie weiterhin hier finden. Viele Grüße, Alexandra

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