Geschwister-Bande

Heute Morgen beim Frühstück war es mal wieder so weit. „Mutti“, sagt Jacqueline, „können wir nicht noch ein Kind aufnehmen. Wir haben doch noch ein Bett frei!“ Und die versammelte Mannschaft schaut mich mit großen Augen an.
Vielleicht sollte ich das Bett verschenken, damit ich nicht immer „Nein“ sagen muss. So gerne ich selber noch einen Jungen oder ein Mädchen aufnehmen würde: Jedes meiner Kinder braucht viel Einzelzuwendung und ich hätte Angst, dass ich dem nicht mehr gerecht würde, wenn noch jemand dazu käme.

Es hat seine Zeit gebraucht, bis wir zu einer Familie zusammengewachsen sind. Jacqueline und der große Dennis zum Beispiel, die ja leibliche Geschwister sind, haben sich am Anfang sehr aneinander geklammert. Einer hat für den anderen die Versorgerrolle übernommen und ängstlich darüber gewacht, dass es dem anderen gut geht. Erst, als sie gespürt haben, dass sie sich wirklich auf mich verlassen können, haben sie sich voneinander gelöst und auch engere Bindungen zu ihren Hausgeschwistern aufgebaut.
Jacqueline ist als einziges Mädchen die Prinzessin im Haus, aber sie ist auch diejenige, die mir am meisten hilft. Sie versorgt mit mir die beiden Kleinen, backt mit mir Kuchen und hilft aufzuräumen. Manchmal ist es mir fast ein bisschen unheimlich, dass sie so sehr auf mich und das Haus fixiert ist, deshalb freue ich mich sehr, dass sie seit ein paar Monaten eine enge Freundin hat, die sie fast täglich trifft. So etwas gab es bisher nicht.

Kinder auf dem Sofa

Der kleine Dennis hat zurzeit eine schwierige Phase. Er macht den anderen viel kaputt, haut mit dem Hammer auf ihr Spielzeug ein oder schneidet mit der Schere Bilder kaputt. Da sind sie natürlich sauer und haben keine Lust mehr, mit ihm zu spielen. Wann greift man als Mutter da ein? Ich werde immer dann energisch, wenn mir die Streitereien selbst zu viel werden und auf die Nerven gehen. Oder wenn es körperlich wird, wenn die Kinder anfangen sich zu zwicken oder zu schubsen. Das mag ich nicht, ganz gleich, um welches der Kinder es sich handelt.

Wenn es drauf ankommt, halten sie zusammen
Auch Sebastian, meinen leiblichen Sohn, behandle ich nicht anders. Der einzige Unterschied besteht darin, dass er hin und wieder mitkommen darf, wenn ich ein freies Wochenende habe. Das ist für die anderen oft schwer auszuhalten. Vor allem der große Dennis wirft mir oft vor, dass das unfair sei. Ich versuche ihm zu erklären, dass er und die anderen Kinder dafür Besuch von ihren Eltern bekommen – das hat Sebastian nicht. Trotzdem ist Dennis oft bockig und spricht erstmal nicht mit mir, wenn wir zurückkommen; gegen Sebastian geht das allerdings nie. Die beiden Jungs sind die besten Freunde. Sie sind gleich alt, spielen viel zusammen, aber müssen sich auch immer miteinander messen. Der positive Effekt: Beide wollen unbedingt die besseren Noten schreiben und spornen sich gegenseitig an.

Und so sehr die Kinder miteinander streiten können, so bedingungslos halten sie zusammen, wenn es drauf ankommt. Neulich waren aus dem Kühlschrank einer Nachbarin sämtliche Eier verschwunden, was sich keiner von uns erklären konnte. Natürlich wusste auch keines der Kinder, was passiert war. Sie schauten alle ganz unschuldig. Bis wir schließlich Jaqueline, den kleinen Dennis und ein paar Andere hinter einem Busch entdeckten, wo sie die Eier in ein Nest gelegt hatten. Nun wollten sie sie ausbrüten!

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4 Responses to “Geschwister-Bande”


  1. 1 Maria Donnerstag, 3. Mai 2007 um 7:24

    Liebe Alexandra,
    es ist schön, dass man in deinen Alltag einen so schönen Einblick bekommt. Ich lese dein Tagebuch sehr gerne! Viele Grüsse von Maria

  2. 2 Christine Sonntag, 6. Mai 2007 um 2:42

    Liebe Alexandra, durch Zufall kam ich auf deinen Erlebnisbericht. Ich habe mich schon oft gefragt, wie gehen Kinderdorfmütter mit ihren Kindern um. Ich bin alleinerziehende Mutter von vier Kindern im Alter von 5, 7, 15 und 19 Jahren. Seit gut 2 Monaten lebt auch der Freund (18) meiner Ältesten hier im Haus. Wahrscheinlich wäre alles viel entspannter, wenn ich nicht schwer an MS erkrankt wäre. Ich bekomme seit einem Jahr Chemotherapie, die auch gut anspricht, aber ich bin einfach nicht voll belastbar und mich regen die momenaten Streiterein zwischen meinen „großen“ Töchtern maßlos auf. Wie gehen andere Mütter mit pubertierenden Kindern um?
    Für deine Familie wünsche ich dir viel Kraft und Energie, wunderschöne Momente mit und durch die Kinder aber auch Momente in denen du alleine Kraft schöpfen kannst. Liebe Grüße und alles Gute, Christine

  3. 3 Angela Dienstag, 8. Mai 2007 um 10:51

    Hallo Alexandra,

    heute lese ich zum ersten Mal Dein Tagebuch. Es ist eine interessante Aufgabe, von der Du da erzählst. Aber wichtiger, ich kann nun meinen Neffen (10 Jahre – meine Schwester ist alleinerziehend) ein bißchen besser verstehen, wenn er bei uns ist uns sich „austobt“, also zum Beispiel am ersten Tag die Gartenhütte komplett auf der Wiese verteilt – er will mich gar nicht ärgern, ich denke, er fühlt sich dann wohl.
    Liebe Grüße
    Angela

  4. 4 Dominik Dienstag, 8. Mai 2007 um 13:45

    Hallo Alexandra,

    ich bin ein sehr großer Anhänger der SOS Kinderdörfer, da ich ein Patenkind in Lekenik(Kroatien) habe weiss ich wie die Arbeit in einem SOS KInderdorf ist. Denn ich durfte das ein Wochenende mit erleben. Ein großen Resepekt habe ich für die Arbeit der SOS Kinderdorfmütter.
    Kannst du dir das vorstellen. Mein Patenkind heißt Emanuel und er kannte mich bis vor meinem Besuch nur von Bildern die ich Ihm geschickt habe. Und nach dem Wochenende, wo ich wieder in den Bus nach Zagreb gestiegen bin, wollte er am liebsten mit einsteigen. Das hat mich sehr gerührt, das an dem Wochenende so eine Bindung entstanden ist. Es war schwierig gewesen dem kleinen 7 jährigen klar zu machen das er nicht mit einsteigen kann.

    Also noch einmal großen Resepekt an dich

    Dominik


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