Archiv für Mai 2007

Alle Zähne müssen raus

Besserung in Sicht! Mario hat die Windpocken hinter sich und auch bei seinem kleinen Bruder Tobias klingen sie allmählich ab. (Danke übrigens für die guten Wünsche!) Dennis und ich üben gerade einen neuen Umgang miteinander ein. Das hat zum Beispiel damit zu tun, dass wir mehr aushandeln. Gestern Abend sagte er, dass er es unfair finde, schon um acht Uhr ins Bett zu müssen, obwohl er bereits elf Jahre alt sei. Also schlug ich vor, dass er eine halbe Stunde länger aufbleiben darf, sofern er alles erledigt hat. – „Nur eine halbe Stunde???“ – „Meinetwegen auch eine Stunde, aber das bleibt eine Ausnahme.“ – „Na, gut!“ In anderen Fällen mache ich keine Kompromisse, zum Beispiel bei den Hausaufgaben. Bevor die nicht erledigt sind, geht kein Kind zum Spielen, das ist bei uns eiserne Regel. Ein einziges Mal habe ich mich darauf eingelassen, Dennis gleich nach dem Mittagessen mit seinen Freunden losziehen zu lassen. Er versprach mir, sich ganz bestimmt später an die Übungen zu machen – das hat leider überhaupt nicht funktioniert.

Mario und Tobias nach ihrem Bad im PoolNaja, auf jeden Fall bin ich in dieser Woche wieder ein bisschen zum Luft holen gekommen und habe die warmen Tage genossen. Zusammen mit den Nachbarn haben wir uns einen Pool gekauft, der immerhin so groß ist, dass man mit einer Luftmatratze darin herumpaddeln kann. Er steht genau in der Mitte zwischen den beiden Häusern und war das große Ereignis für die Kinder an diesem Wochenende. Mit Jacqueline habe ich bereits Hollersaft angesetzt und die erste Marmelade der Saison eingekocht: Erdbeer-Rhabarber. Den Rhabarber habe ich vom Bauern bekommen und die Erdbeeren dazugekauft, da unsere eigenen noch nicht so weit sind. Die Kinder lieben diese Marmelade!

Hier das Rezept für alle, die Lust haben, es mal auszuprobieren:
750 Gramm Erdbeeren und 250 Gramm Rhabarber waschen und klein schneiden und mit 1 KG Gelierzucker (eins zu eins) und dem Saft von einer Zitrone zum Kochen bringen. Das Ganze vier Minuten sprudelnd kochen lassen und in sterile Gläser füllen. Wenn man die Gläser vorher mit ganz wenig hochprozentigem Alkohol, zum Beispiel Strohrum ausspült, so dass die Innenseite und auch der innere Deckel damit benetzt werden, hält das den Schimmel fern und verfeinert den Geschmack.

Leider hat meine Entspannung auch schon wieder ihre Grenzen: Wenn ich an morgen denke, wird mir ganz mulmig, denn morgen hat Mario nun seinen ersten großen Zahnarzt-Termin. Bevor er zu uns kam, hat er vor allem Zuckerwasser zu trinken bekommen, ich habe davon in der ersten Folge erzählt. Seine Zähne sind alle verfault und eitern, was natürlich auch für das Immunsystem ganz schlecht ist, Schmerzen hat er natürlich auch, man merkt es an den roten Bäckchen und der vorsichtigen Art, mit der er isst. Letztendlich bin ich also froh, dass endlich was passiert. Unter Vollnarkose werden Mario wohl so ziemlich alle oberen Zähne gezogen. Danach wird man sehen, wie es weitergeht und ob er Platzhalter oder eine Kinderprothese bekommt. Jetzt überlege ich schon den ganzen Tag, womit ich Mario morgen verwöhnen kann. Auf jeden Fall bekommt er ein Kuscheltier, mal schauen, was mir sonst noch einfällt.

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Willkommen in der Pubertät!

Letzte Woche waren Elternsprechtage in den Schulen. Ich hatte eigentlich ein gutes Gefühl – auch beim großen Dennis. Seit er Mathe-Nachhilfe bekommt, ist er viel motivierter und blockt nicht mehr so ab. Im letzten Rechentest lag er zwischen Zwei und Drei – ein schönes Erfolgserlebnis, dachte ich. Und dann das: Die Lehrerin erzählt mir, dass Dennis im Unterricht nicht mitarbeitet, ständig Raufereien anzettelt, Hefte und Hausübungen verschwinden lässt und so weiter und so weiter. Dennis ist richtig aufgeflogen! Seit diesem Tag ist er unerträglich. Er bricht bewusst Regeln und Grenzen, attackiert seine Hausgeschwister und vor allem mich, versucht immer wieder zu provozieren, und das gelingt ihm ganz gut.

Blogeintrag 16.05.07Es ist sehr schwierig für uns alle. Ich weiß nicht einmal genau, ob der Elternsprechtag der Anlass war. Es könnte genauso gut etwas anderes gewesen sein – er redet ja nicht darüber und lässt mich generell nicht mehr an sich heran. Obwohl ich in meiner Ausbildung immer wieder die Empfehlung gehört habe, solche Dinge nicht zu persönlich zu nehmen, fällt mir das in diesem Fall sehr schwer. An jenem Donnerstag setzte ich mich, als die Kinder im Bett waren, noch mit Erwin hin und erzählte ihm, was den ganzen Tag über los war. Es kommt nicht oft vor, dass ich heulen muss, aber an diesem Abend war es soweit. In solchen Momenten bin ich besonders froh, einen Partner zu haben, der einfach da ist und zuhört. 

Aber die Suche nach Erklärungen ging natürlich weiter – das alles kam ja für mich aus heiterem Himmel, vorher lief es bestens mit Dennis. Der Verzweiflung nahe, habe ich alle möglichen Leute um Rat gefragt, bis von einer Kollegin, ebenfalls Kinderdorf-Mutter, die Erleuchtung kam: „Na ja, das ist normal – die Vorpubertät lässt grüssen!“ Auf alles wäre ich gekommen, aber nicht darauf! Aber klar: Dennis ist schon 11 Jahre alt und die Pubertät setzt ja heute deutlich früher ein als bei uns damals. Tatsächlich hat sich mit dieser Erkenntnis meine innere Haltung verändert. Ich begegne Dennis seitdem auf einer anderen Gesprächsebene. Es gelten noch immer dieselben Regeln und Grenzen, jedoch neu verpackt. Das scheint der richtige Weg zu sein: Seit gestern hat sich die Lage merklich entspannt – mal sehen, wie lange das anhält.

Bei all dem Trubel hätte ich fast den Muttertag vergessen, dabei war der besonders schön. Wie jedes Jahr waren die Kinder und ich gleichermaßen aufgeregt. Ich habe ganz viele tolle gebastelte Geschenke bekommen, und wir haben im Garten gegrillt. Wir haben an diesem Tag auch Tobias zweiten Geburtstag gefeiert. Er war so glücklich und aufgeregt, dass er kaum die beiden Kerzen auf der Torte ausblasen konnte.

Für meinen Geschmack wären das genug Ereignisse für eine Woche gewesen, aber es ging noch weiter: Jacqueline hat sich den Fuß verstaucht, und wir saßen bis 22 Uhr mit ihr in der Unfallklinik, Sebastian hatte sein Frühlingssingen in der Musikschule, das wir natürlich auch nicht verpassen durften, die beiden Kleinen haben die Windpocken bekommen und über alledem habe ich die wöchentliche Therapie des kleinen Dennis vergessen. Und mich selbst quält eine Nebenhöhlenentzündung.

Das war im Groben unsere Woche.

„Wo ist denn der Schlafsaal?“

„Wie ist es Ihnen denn am letzten Mittwoch ergangen? Meine Kinder haben alle schlecht geschlafen und waren furchtbar grantig. Ich selbst konnte auch nicht schlafen – es war Vollmond! Ich wollte früher nie wahrhaben, dass der Mond so einen Einfluss haben soll, aber meine Familie liefert mir regelmäßig den Beweis. 

Ich hoffe, unsere Gäste haben sich dennoch wohl gefühlt. Wir waren nämlich letzte Woche Besuchshaus – das geht im Kinderdorf reihum: Abwechselnd öffnen die Familien ihre Häuser, um Interessenten nach Anmeldung die Möglichkeit zu geben, sich einmal ein Kinderdorf von innen anzuschauen. Da kann es schon mal vorkommen, dass plötzlich der Kapitän der österreichischen Fußballnationalmannschaft, Andreas Ivanschitz, im Wohnzimmer steht, so geschehen vor einem halben Jahr. Die beiden großen Buben, Sebastian und Dennis, haben den Mund nicht mehr zugekriegt, und als ich merkte, wie aufgeregt sie sind, wurde ich plötzlich auch ganz nervös! Unser Gast setzte sich dann noch mit auf die Terrasse zu Kaffee und Kuchen und stellte viele Fragen, da er gerade eine Patenschaft für unser Kinderdorf übernommen hatte. Am Schluss hat er mit den Kindern Fußball gespielt – sie waren selig.

Blogeintrag 9.5.2007

An so einem Besuchstag merke ich auch immer wieder, welche Vorstellungen die Menschen vom Kinderdorf haben. Zum Beispiel fragen sie nach dem Schlafsaal und dem Speisesaal. Ich erkläre ihnen dann, dass die Kinder bei uns eben nicht wie in einem Heim aufwachsen, sondern in Familien. Regelmäßig sind die Besucher auch erstaunt darüber, dass fast alle unsere Kinder Sozialwaisen sind, also noch leibliche Eltern haben.

Diesmal war eine Frage dabei, die ich so noch nicht gestellt bekommen hatte. Eine Gruppe Firmlinge kam zu Gast und eines der Mädchen hörte sich alles genau an und fragte dann: „Haben Sie denn auch noch Zeit, Frau zu sein?“ Die Frage hat mir gefallen. Nun, ich nehme mir die Zeit! Eine SOS-Kinderdorf-Mutter muss nicht mit Lockenwicklern rumlaufen; je nach Lust und Laune ziehe ich ein Sommerkleid an oder etwas anderes, das mir gefällt. Zugegeben: Die Momente, in denen ich mich bewusst mit meinem Frausein oder auch mit meiner Partnerschaft beschäftige, sind rar. Umso mehr genieße ich es, mich mal schick zu machen und mit meinem Partner Erwin in die Operette zu gehen oder mal mit einer Freundin zum Essen. Eine sehr gute Freundin von mir ist Lehrerin und hat selbst zwei Kinder. Solche Kontakte über die Dorfgrenzen hinaus finde ich ganz wichtig; ich bin auch bei jedem Feuerwehrball und jedem Karnevalsfest in unserem Ort mit dabei.

Oder ich entspanne mich mit einem Buch. Zurzeit lese ich eine sehr interessante Dokumentation, die eine Mutter geschrieben hat: „Mein Leben mit drei hyperaktiven Kindern“. Jetzt wird der eine oder andere vielleicht denken, dass das nicht gerade nach leichter Lektüre klingt, aber mich interessieren solche Themen. Ich lese auch gerne Psychologie-Bücher, zum Beispiel die Biografie von Siegmund Freud –  sehr spannend, oder Geschichtsbücher: über die Kultur der alten Ägypter, auch, wenn ich manchmal nur drei Seiten schaffe. Meistens lese ich am späten Vormittag, wenn die Kleinen schlafen und die Großen noch in der Schule sind. Nur zurzeit ist das etwas schwierig: Tobias, sonst die Ruhe selbst, bekommt seine Backenzähne. Er ist furchtbar schlecht gelaunt und wacht oft aus seinem Mittagsschlaf auf und das schon seit Tagen – obwohl der Mond längst wieder abgenommen hat!

Bis zum nächsten Mal, Alexandra

Geschwister-Bande

Heute Morgen beim Frühstück war es mal wieder so weit. „Mutti“, sagt Jacqueline, „können wir nicht noch ein Kind aufnehmen. Wir haben doch noch ein Bett frei!“ Und die versammelte Mannschaft schaut mich mit großen Augen an.
Vielleicht sollte ich das Bett verschenken, damit ich nicht immer „Nein“ sagen muss. So gerne ich selber noch einen Jungen oder ein Mädchen aufnehmen würde: Jedes meiner Kinder braucht viel Einzelzuwendung und ich hätte Angst, dass ich dem nicht mehr gerecht würde, wenn noch jemand dazu käme.

Es hat seine Zeit gebraucht, bis wir zu einer Familie zusammengewachsen sind. Jacqueline und der große Dennis zum Beispiel, die ja leibliche Geschwister sind, haben sich am Anfang sehr aneinander geklammert. Einer hat für den anderen die Versorgerrolle übernommen und ängstlich darüber gewacht, dass es dem anderen gut geht. Erst, als sie gespürt haben, dass sie sich wirklich auf mich verlassen können, haben sie sich voneinander gelöst und auch engere Bindungen zu ihren Hausgeschwistern aufgebaut.
Jacqueline ist als einziges Mädchen die Prinzessin im Haus, aber sie ist auch diejenige, die mir am meisten hilft. Sie versorgt mit mir die beiden Kleinen, backt mit mir Kuchen und hilft aufzuräumen. Manchmal ist es mir fast ein bisschen unheimlich, dass sie so sehr auf mich und das Haus fixiert ist, deshalb freue ich mich sehr, dass sie seit ein paar Monaten eine enge Freundin hat, die sie fast täglich trifft. So etwas gab es bisher nicht.

Kinder auf dem Sofa

Der kleine Dennis hat zurzeit eine schwierige Phase. Er macht den anderen viel kaputt, haut mit dem Hammer auf ihr Spielzeug ein oder schneidet mit der Schere Bilder kaputt. Da sind sie natürlich sauer und haben keine Lust mehr, mit ihm zu spielen. Wann greift man als Mutter da ein? Ich werde immer dann energisch, wenn mir die Streitereien selbst zu viel werden und auf die Nerven gehen. Oder wenn es körperlich wird, wenn die Kinder anfangen sich zu zwicken oder zu schubsen. Das mag ich nicht, ganz gleich, um welches der Kinder es sich handelt.

Wenn es drauf ankommt, halten sie zusammen
Auch Sebastian, meinen leiblichen Sohn, behandle ich nicht anders. Der einzige Unterschied besteht darin, dass er hin und wieder mitkommen darf, wenn ich ein freies Wochenende habe. Das ist für die anderen oft schwer auszuhalten. Vor allem der große Dennis wirft mir oft vor, dass das unfair sei. Ich versuche ihm zu erklären, dass er und die anderen Kinder dafür Besuch von ihren Eltern bekommen – das hat Sebastian nicht. Trotzdem ist Dennis oft bockig und spricht erstmal nicht mit mir, wenn wir zurückkommen; gegen Sebastian geht das allerdings nie. Die beiden Jungs sind die besten Freunde. Sie sind gleich alt, spielen viel zusammen, aber müssen sich auch immer miteinander messen. Der positive Effekt: Beide wollen unbedingt die besseren Noten schreiben und spornen sich gegenseitig an.

Und so sehr die Kinder miteinander streiten können, so bedingungslos halten sie zusammen, wenn es drauf ankommt. Neulich waren aus dem Kühlschrank einer Nachbarin sämtliche Eier verschwunden, was sich keiner von uns erklären konnte. Natürlich wusste auch keines der Kinder, was passiert war. Sie schauten alle ganz unschuldig. Bis wir schließlich Jaqueline, den kleinen Dennis und ein paar Andere hinter einem Busch entdeckten, wo sie die Eier in ein Nest gelegt hatten. Nun wollten sie sie ausbrüten!


DANKE

Nach einem guten Jahr habe ich dieses Weblog abgeschlossen. Ich möchte mich bei allen Lesen und Kommentatoren für die rege Teilnahme und Diskussion bedanken. Die bisher erschienen Einträge werden Sie weiterhin hier finden. Viele Grüße, Alexandra

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