Archiv für April 2007

Eifersucht macht auch vor mir nicht halt!

Liebe Blog-Besucher,

jetzt möchte ich mich endlich einmal herzlich für euer reges Interesse bedanken und Antwort auf einige Kommentare geben. Ich bitte um Verständnis, dass ich nicht immer gleich reagieren kann. Das geht erst, wenn meine „Wilden Kerle“ im Bett sind und ich nicht auch gleich mit ihnen schlafen gehe!

Alexandra Blogeintrag 25. April Das Thema „Leibliche Eltern“ ist ein sehr sensibles – umfasst jedoch einen großen Teil meiner Arbeit als Kinderdorfmutter. Die leiblichen Eltern sind sehr wichtig für die Kinder. Egal, aus welchem Grund sie zu uns gekommen sind, lieben sie ihre Eltern – und das darf auch sein. Klar: Umso länger wir zusammenleben, Höhen und Tiefen durchmachen und umso enger die Bindung zu den Kindern wird, desto schwieriger ist es auch für mich zu akzeptieren, die „Zweite“ zu sein. Beschützerinstinkt und Eifersucht sind menschlich und machen auch vor mir nicht halt. Da ich selber Mutter bin, versuche ich mir dann immer vorzustellen, wie es mir gehen würde, wenn mein Kind bei einer fremden Frau aufwachsen würde und sie sogar noch Mutti nennt! Eine schlimme Vorstellung! Zu diesem Thema besuche ich laufend Fortbildungen und kann Supervision in Anspruch nehmen.

Biografiearbeit sehe ich persönlich als einen wichtigen Baustein im Leben der Kinder an. Gerade am Anfang war meine Zusammenarbeit mit den leiblichen Eltern dennoch eher schwierig. Im Laufe der Zeit hat sich unser Verhältnis gebessert. Alle Kinder in meiner Familie werden einmal pro Monat von den Eltern besucht. Telefoniert wird einmal in der Woche. Um einen Loyalitätskonflikt zu vermeiden, versuche ich mich so neutral wie möglich zu verhalten. Es ist erstaunlich, wie feine Antennen die Kinder haben und wie sie schon auf unausgesprochene Konflikte reagieren.

Im Garten Blogeintrag 25. April

Es gibt kein Patentrezept für Elternarbeit und man muss darauf achten, was den Kindern gut tut und für ihre Entwicklung förderlich ist. Während meiner Ausbildung zur Kinderdorfmutter habe ich verschiedene Einrichtungen kennen gelernt – angefangen von einer Kinderpsychiatrie, über Jugendeinrichtungen, Sozialamt, Kindergärten bis hin zur Jugendwohlfahrt – und so konnte ich sehen, dass Elternarbeit, vorsichtig ausgedrückt, auch viel schwieriger verlaufen kann. Ich kenne auch einen Fall, wo der Kontakt zu den Eltern völlig eingestellt wurde.
Ob nun die Eltern in die Hilfeplanüberprüfungen miteinbezogen werden, hängt von den Jugendämtern und von den Eltern ab. Ich finde es gut, wenn sie dabei sind, da bei solchen Gesprächen ja auch die Besuche festgelegt werden. Es schafft die Möglichkeit, Wünsche und Kritik an- und auszusprechen. Da geht es weniger um eine Überprüfung, als um ein gemeinsames Ziel – das Kind.

Noch ein Wort zu Anneka!
Ich kann deinen Wunsch gut verstehen und ich schicke dir und all den anderen Müttern und Familien, die alles ohne Hilfe meistern müssen – oft Beruf und Kind oder die Herausforderung eines kranken Kindes – meine ganze Hochachtung und liebe Grüße!

Herzlich, Alexandra

Und in ein paar Tagen wieder Neues aus unserem Leben…

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Neue Ziele für Mario

Seit Freitag geht Mario aufs Töpfchen! Ein schöner Zufall, denn wenige Tage später kamen Mitarbeiter des Jugendamtes und die leiblichen Eltern von Mario und Tobias, meinen beiden Jüngsten, zur Hilfeplanüberprüfung zu uns ins Haus. Ein- bis zweimal im Jahr werden bei diesen Treffen die Entwicklungsfortschritte eines jeden Kindes besprochen und neue Ziele festgelegt. Wir haben dann gleich als eines der Ziele für Mario definiert, dass er bis Herbst, wenn er drei Jahre alt ist, trocken sein sollte. Weitere Ziele: seine Motorik und seine sprachliche Entwicklung sollen gefördert werden, und wenn alles gut läuft, soll er im Herbst in den Kindergarten gehen.

Ausflug Blogeintrag 19. April

Natürlich bedeuten diese Gespräche Mehrarbeit für mich, genauso, wie die halbjährlichen Entwicklungsberichte, die ich meistens abends, wenn die Kinder schlafen, verfasse, das macht aber nichts, denn vor allem sind sie mir eine große Unterstützung: Im Gespräch sehe ich die Dinge oft noch mal aus einer anderen Perspektive und tappe nicht so leicht in eine Falle, und bei schwierigen Entscheidungen kann ich mich mit kompetenten Menschen beraten, denen das Wohl der Kinder ebenfalls wichtig ist.

Ein Netz von Helfern
Wir SOS-Kinderdorf-Mütter bewegen uns ja in einem großen Helfernetz. Gestern zum Beispiel habe ich mit der Leiterin unseres Kindergartens über den kleinen Dennis gesprochen. Dennis, 5 Jahre alt, leidet an ADHS, dem „Aufmerksamkeitsdefizit Hyperaktivitäts-Syndrom“. Bei ihm wirkt sich das so aus, dass er sich oft schwer konzentrieren kann, unruhig und zappelig ist, auch aggressiv wird. Mit der Kindergartenleiterin habe ich überlegt, welche Schule wohl im nächsten Jahr für ihn in Frage kommt und welche Spiele Dennis helfen können, sich zu konzentrieren. Wie allen Kindern hilft es auch Dennis, wenn man seine Stärken fördert. Unglaublich, wie gut er sich beim Memory anstellt, oder auch beim Puzzeln. Da ist er selbst dann noch blitzschnell, wenn er das Bild verkehrt herum zusammenbaut.
Ich weiß inzwischen, dass Dennis einen sehr strukturierten Tagesablauf und viel Stabilität für sein inneres Gleichgewicht braucht. Abweichungen teile ich ihm möglichst lange im Voraus mit. Zum Beispiel beginne ich bereits am Sonntag, ihn immer wieder daran zu erinnern, dass er am Dienstagmorgen anstatt in den Kindergarten zur Ergotherapie geht. Falls ich diese Hinweise einmal vergesse, ist für ihn der Tag gelaufen, er gerät vollkommen durcheinander.

Auch die Ergotherapeutin gehört zum Netzwerk. Dennis lernt mit ihr durch verschiedene Spiele und Massageanwendungen, sich und seinen Körper besser wahrzunehmen. Die Sitzungen tun ihm sehr gut und ich möchte versuchen, dass er statt einer Stunde zwei Stunden pro Woche bekommt. Leider kann ich das nicht selbst entscheiden: das Jugendamt muss einwilligen und natürlich auch die Krankenkasse. Das ist oft ein mühsamer Weg, aber er lohnt sich.

So, und nun schaut der große Dennis schon zum zweiten Mal durch die Tür. Ich ahne, was er möchte: Offenbar hat er heute in der Schule etwas ausgefressen. Nun will er sicher beichten…

Bis bald, Alexandra

Bergeweise Wäsche, glückliche Kinder

Wir haben Ostern verschlafen! Als um 5 Uhr morgens der Gottesdienst begann, lagen wir noch in den Betten. Wir saßen nicht wie in den Jahren zuvor bei Kerzenlicht in den Bänken, wir haben nicht diese besondere Stimmung des ersten Tageslichtes mitbekommen. Schade. Aber angesichts unseres dichten Programms konnten wir die zusätzliche Schlafzeit ganz gut gebrauchen. Die Kinder jedenfalls waren froh.

Erwin, mein Lebenspartner, hatte ein paar Tage Urlaub, und wie immer, wenn er zu Hause ist, standen bald ein paar Kinder bei uns im Garten. Ob er ihnen bitte ihren Ball aufpumpen könne. Es ist ja immer noch selten, dass Männer im SOS-Kinderdorf leben. Für Erwin war von Anfang an klar, dass er mit einziehen würde. Als wir uns kennen lernten, war ich noch in meiner Ausbildung und half in einer anderen Kinderdorf-Familie mit. Erwin arbeitete im Dorf mit seiner Baufirma. Um zehn Uhr abends machten die Männer immer noch Lärm und so lief ich raus und fragte ziemlich sauer, ob sie denn nicht wüssten, dass dies ein Kinderdorf sei! Als Entschuldigung wurde ich zum Essen eingeladen. So fing es an…

Sechs Kinder und ein Bagger
Erwin hat ein besonderes Talent für Kinder. Wo ich schimpfen muss, reicht bei ihm oft ein einziger Blick. Und wenn er morgens um halb acht im Garten werkelt, müssen die Kinder unbedingt hinterher. Natürlich hat Erwin den Nachbarskindern auch ihren Ball aufgepumpt und nicht nur ihren: Er hat sich sämtliche Bälle des Dorfes bringen lassen, damit es sich überhaupt lohnt, den Kompressor anzuschalten. So spielt das ganze Kinderdorf in diesen Tagen mit frisch aufgepumpten Bällen.

Bagger

Die Hauptattraktion an Ostern war aber der kleine Bagger, den wir uns ausgeliehen hatten, um einen Teich im Garten anzulegen. Jedes unserer Kinder durfte mal drin sitzen und ihn bedienen. Wir waren den ganzen Tag beschäftigt, die einen haben Kiesel herangeschafft, die anderen haben die Grube ausgehoben oder Randsteine gesetzt. Alle mit großer Begeisterung und mit einer unglaublichen Ausdauer. So würde ich sie gerne mal bei ihren Schulaufgaben erleben! Die Kinder genossen es sichtlich, selbst etwas zu schaffen, Verantwortung zu übernehmen. Am Abend sagte der große Dennis erschöpft, aber stolz: „Mutti, jetzt weiß ich, warum du oft Rückenschmerzen hast.“

Am nächsten Morgen wollten wir dann meinen Vater in Kärnten besuchen. Nachdem ich Jausen und Getränke für alle hergerichtet hatte und jedes Kind noch mal auf der Toilette war, konnten wir losfahren. Mittags sind wir essen gegangen, die Lebensgefährtin meines Vaters hatte vorsorglich ein Extrazimmer reserviert und musste nachher überrascht feststellen, dass dies gar nicht nötig gewesen wäre: Die Kinder zeigten sich von ihrer besten Seite, nicht einmal ein Glas ist umgefallen. Später tobten sie im Garten mit meinem Bruder und spielten mit meiner Oma, die sie mit Hingabe ebenfalls Oma nennen. Für die Kinder ist das wunderbar, sich als Teil einer großen Familie zu erleben. Immer wieder mussten sie sich vergewissern: „Und hier hast du wirklich gewohnt?“ Das konnten sie sich nicht vorstellen. Vom Dachboden holten sie schließlich mein altes Spielzeug und zu ihrer großen Belustigung auch meine alten Schulhefte – und waren natürlich hocherfreut, als sie feststellten, dass die Mutti auch nicht immer geglänzt hat.

Das waren also unsere Ostertage. Bilanz: Bergeweise Wäsche, aber glückliche Kinder.

Blitzende grüne Augen

Um es gleich zu sagen: Leider ist das Wochenende nicht so toll gelaufen. Von Donnerstag bis Sonntag hatte ich frei und habe mich in einem Wellness-Hotel entspannt – naja: entspannen wollen: Während der Massage überlegte ich, wie es wohl gerade dem kleinen Dennis in der Ergotherapie ergeht, und in der Sauna wurde ich nervös bei dem Gedanken, dass Tobias und Mario, meine Jüngsten, vielleicht noch nicht im Bett sind.

Wir SOS-Kinderdorf-Mütter müssen per Gesetz einen freien Tag pro Woche nehmen. Wäre das nicht so, würden wohl die meisten von uns viel freie Zeit unter den Tisch fallen lassen. Mir ginge es ganz sicher so. Dabei sind die Kinder in meiner Abwesenheit immer gut versorgt. Wenn ich weg bin, wohnt Marion*, eine Familienhelferin unseres Kinderdorfes, mit im Haus. Alle mögen sie sehr gerne, und manche dieser Wochenenden verlaufen super. Dieses Mal dagegen haben die Kinder ausprobiert, wie weit sie gehen können und Marion zu provozieren versucht: „Bei der Mutti darf ich das aber!“ Und: „Du hast mir gar nichts zu sagen!“ Die Kinder machen das nicht aus Boshaftigkeit, dahinter steckt eher Verunsicherung, Verlustangst – obwohl wir nun schon so lange zusammenleben. Beim großen Dennis zum Beispiel habe ich nach meiner Rückkehr einen Apfel in der Schublade entdeckt und eine Banane unter dem Bett, so als wollte er für alle Fälle versorgt sein.

Das aufmüpfige Verhalten ging dann am Montag noch weiter. Nun wollten sie testen, ob wieder alles beim Alten war. Statt um sechs Uhr abends kamen sie erst um sieben vom Spielen nach Hause, ihre schmutzige Wäsche warfen sie nicht in den Wäschesack, sondern unters Bett. Nachdem die Kinder festgestellt hatten, dass ich immer noch so reagiere wie vorher, war der Dienstag eigentlich wieder ganz harmonisch. Das geht nicht immer so schnell: Es kommt vor, dass nach so einem Kurzurlaub eines der Kinder plötzlich furchtbar wütend wird. Der Ausbruch gilt selten mir, aber ich bin nun mal da.
Was tut man in so einem Fall? In meiner Ausbildung habe mir einiges von anderen Kinderdorf-Müttern abgucken können. Dazu kommen meine eigenen Erfahrungen.

Kinderzeichung Blogeintrag 4. AprilRezepte gegen Wut

Meine Rezepte bei Wutanfällen: Ich lasse die Kinder malen. Beim großen Dennis funktioniert das extrem gut. Meist gebe ich ihm ein leeres Blatt und bitte ihn, es vollzumachen. Da kann alles rauskommen, ein Entschuldigungsbrief oder er malt das ganze Blatt schwarz. Neulich hat er sich selbst gemalt mit blitzenden grünen Augen – genauso sieht er aus, wenn er wütend ist. Oder ich fordere die Kinder auf, Altpapier zu zerreißen oder aufs Sofa einzutrommeln – irgendetwas, um sich abzureagieren. Manchmal gehen wir auch zusammen vor die Tür und ich ermuntere sie zu schreien, „bis dich das ganze Kinderdorf hört“. Wenn ich das vormache, fangen sie meist schon an zu lachen.
Was auch hilft: eine kleine Auszeit nehmen. Wenn Mario zu rasen beginnt, stelle ich ihn in die Küche, auf einen Fleck, wo ihn nichts ablenkt, und verlasse den Raum. Nach kurzer Zeit hat er sich meist beruhigt.

Wenn Sie jetzt denken, das hört sich alles ganz toll und pädagogisch an, kann ich Sie beruhigen: Es gibt genug Tage, an denen alles drunter und drüber geht und auch mir nichts mehr einfällt.

Bis nächste Woche, Alexandra

* Namen geändert


DANKE

Nach einem guten Jahr habe ich dieses Weblog abgeschlossen. Ich möchte mich bei allen Lesen und Kommentatoren für die rege Teilnahme und Diskussion bedanken. Die bisher erschienen Einträge werden Sie weiterhin hier finden. Viele Grüße, Alexandra

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