Mittags um 12

Ich beginne heute mein Tagebuch um 12 Uhr Mittag in unserer Küche mit Kassler, Püree und Sauerkraut, um von Mario zu erzählen. Ich hätte auch gestern anfangen können mit Spinatspätzle oder vorgestern mit Palatschinken, die Geschichte wäre immer die Gleiche gewesen: Noch bevor die vier Großen aus Schule und Kindergarten kommen, essen die beiden Kleinen, Mario, 2 1/2, und Tobias, 1 1/2. Die beiden Brüder sind erst vor einem halben Jahr zu uns gekommen, in denkbar schlechtem Zustand, wobei ihr wunder Po noch das Geringste war. Beide waren verwahrlost und hatten von ihrer Mutter nur Flüssignahrung bekommen, vorzugsweise Zuckerwasser, sodass Marios Zähne bereits völlig verfault waren. Er neigte dazu, sich selbst zu verletzten, indem er mit dem Hinterkopf gegen die Wand schlug. Mit 2 1/2 Jahren konnte er weder sprechen noch alleine essen.

Mit den Kindern

Deshalb erzähle ich so gerne vom Mittagessen, weil es so ein Vergnügen ist, Mario dabei zuzuschauen. Jedes Essen ist ein Fest für ihn, er freut sich über jeden neuen Geschmack. Fast andächtig piekst er an diesem Mittag das Fleisch mit der Gabel auf, dann etwas Püree und Sauerkraut. „Mmmh“ sagt er und kaut und kaut. Es dauert lange, bis er fertig ist, inzwischen habe ich seinen jüngeren Bruder Tobias längst gefüttert. Aber Mario lässt sich Zeit, er kann wohl auch nicht schneller mit seinen kaputten Zähnchen – bald steht uns der Zahnarzt bevor. Trotzdem lächelt er bei jedem Bissen.

Lange hatten mir die großen Kinder in den Ohren gelegen: „Bitte, Mutti, wir hätten gerne noch ein Geschwisterkind!“ Mein Lebenspartner Erwin und ich hatten auch das Gefühl, dass es passen würde und so entschieden wir Mitte letzten Jahres, noch zwei weitere Kinder aufzunehmen – Bedarf gibt es ja leider ohnehin immer. Mein Chef, unser Kinderdorf-Leiter, suchte daraufhin einige Kinder aus, die in Frage kamen. Als ich sein Büro betrat, lag dort bereits ein Stapel mit Mappen. Ich nahm die oberste und sagte ohne hineinzuschauen: „Diese hier nehmen wir.“ Wenn ich schwanger gewesen wäre, hätte ich mir die Kinder auch nicht aussuchen können!

Bald darauf wurden Mario und Tobias zu uns gebracht. Die großen Kinder rannten an diesem Tag regelrecht aus der Schule zurück, schon am Abend vorher hatten sie das Haus geschmückt. Mario und Tobias waren von dem ganzen Aufmarsch vollkommen überwältigt. Kurz nach ihrer Ankunft begannen die Beiden damit, das ganze Wohnzimmer auszuräumen – ich habe sie gelassen. Irgendwo hatte ich einmal gelesen, dass man sich erst in ein Chaos bringen muss, um sich neu zu ordnen. Tatsächlich waren sie nach zwei Tagen damit durch.

Inzwischen haben sie ihren Platz gefunden. Morgens, wenn die Großen aus dem Haus sind, spiele ich erst eine Stunde mit Mario und dann mit Tobias. Tobias war anfangs furchtbar wütend, wenn einmal sein großer Bruder im Mittelpunkt stand. Das kannte er nicht. Mario dagegen hat die neue Erfahrung gemacht, dass es Zeiten gibt, in denen sich die Welt nur um ihn dreht – er liebt diese Stunde am Vormittag, wir fädeln Perlen auf, machen Steckspiele. Entgegen aller Prognosen hat er bereits große Fortschritte gemacht: seine Feinmotorik hat sich stark verbessert, er kennt die Farben, spricht viel und gerne. Nach und nach hat auch sein selbstaggressives Verhalten nachgelassen, das offenbar vor allem ein Schrei nach Aufmerksamkeit war. Hin und wieder wirft er sich noch auf den Boden, aber auch das nur noch selten, da er nie die gewünschte Wirkung erzielt. Alles in allem: ein guter Start.

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7 Responses to “Mittags um 12”


  1. 1 doris Donnerstag, 22. März 2007 um 15:02

    Sehr schönes Tagebuch! Bin gespannt auf den nächsten Eintrag!

  2. 2 gutmama Freitag, 23. März 2007 um 12:39

    endlich mal ein blog von einer echten heldin. respect. weiter so!

  3. 3 pregnant1 Montag, 26. März 2007 um 12:28

    Schöner Einblick in das Familienleben einer so besoneren Familie! Und toll, was die Mütter in den SOS-Kinderdörfern leisten! Da möchte man grad selber gleich als Kinderdorfmutti anfangen.

  4. 4 silvia Montag, 26. März 2007 um 16:29

    Hallo liebe Kinderdorfmum!

    Ich danke dir für diesen lieben Einblick in deine Familie. Herzenswärme, viel Gefühl und Liebe sind aus deinen Worten zu spüren. Hochachtung und Gottes Segen an euch und alles Liebe, denn nichts ist selbstverständlich!

  5. 5 Johanna Montag, 2. April 2007 um 15:44

    Hallo Alex!

    Ich war richtig erstaunt, als ich im letzten Newsletter von SOS den Link zu deinem Tabebuch entdeckt hatte.
    Was du schreibst ist wirklich toll! Ich bin ohnehin begeistert von deiner Familie und dir.
    Ich hoffe man sieht sich mal wieder, habe euch total gern.
    liebe Grüße,
    Johanna (Praktikantin)

  6. 6 Anke Dienstag, 19. Juni 2007 um 5:32

    Hallo

    Bin gerade über Ihr Tagebuch gestolpert und werde jetzt wohl öfter vorbeischaun.

    Ja das mit dem Essen kennen wir nur zu gut. Bei uns leben 2 hoch traumatisierte Kinder. Beide sind 9 mit einem halben Jahr Altersunterschied.

    A. bekam in den letzten Jahren nur noch trocken Brot zu essen oder Brot mit Senf. Heute ist für ihn jeder Tag ein Festtag. Er hat mit 8 Jahren sein erstes Eis in seinem Leben gegessen.
    Bei unseren Mahlzeiten ist er damit beschäftigt zu gucken wer was essen tut. Kuchen ist das absolute Higlight. Leuchtende Augen und anbetungswürdige Blicke für das Stück Kuchen.

    So nun werde ich aber ersteinmal die anderen Beiträge lesen

    Viele Grüße Anke

  7. 7 Alexandra Montag, 25. Juni 2007 um 8:59

    Hallo Alexandra,

    lese nun schon ne ganze Weile immer wieder mal die Tagebucheinträge und find sie wirklich toll geschrieben. Da bekommt man einen richtigen Einblick in das Leben von dieser besonderen Art von Familie. Freu mich über jeden neuen Eintrag! Danke!


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