Archiv für März 2007

Strohhühner und Geheimnisse

Basteln Sie? Wir basteln ständig, wirklich: so oft es geht. Lieber lasse ich mal die Wäsche Wäsche sein. Es sind die Bastelstunden, in denen mir die Kinder von schlechten Schulnoten erzählen und lang gehütete Geheimnisse verraten.

In dieser Woche habe ich bereits mit den Kleinen Blumen aus buntem Papier ausgeschnitten, die wir ins Küchenfenster gehängt haben. Das war der Beginn unserer Osterbastelei. An einem anderen Tag hat jedes Kind im Garten seine Holzkiste bepflanzt: mit Radieschen, Schnittlauch, Sonnenblumen, und die Großen haben Briefe für ihre Paten beklebt. Gestern Nachmittag war ich müde und wollte den Kindern vorschlagen, ausnahmsweise das Basteln ausfallen zu lassen, aber natürlich kam ich nicht damit durch. „Bitte, bitte, Mutti…“ Nur Sebastian, mein leiblicher Sohn, sagt Mama zu mir, die anderen haben ja alle eine andere Mama, die sie, wenn es geht, regelmäßig sehen. Also bin ich für sie die Mutti.

Wir haben dann Stroh vom Bauern geholt und Hühner daraus gebastelt (Anleitung steht unten), und wie immer merkte ich sofort, wie entspannend die Arbeit mit den Händen war. Ich weiß nicht mehr, wie wir darauf kamen, aber irgendwann begann Dennis, mein Ältester, aus der Zeit mit seinen Eltern zu erzählen. Es war keine schöne Erinnerung, und es wäre ihm sicher nicht recht, wenn ich hier darüber schreiben würde. Aber was ich sagen kann: Ich habe Dennis danach wieder ein bisschen besser verstanden; warum er so schwer Regeln akzeptieren kann, sich manchmal in der Schule verweigert oder aggressiv wird.

spielende Kinder

Dennis und seine Schwester Jacqueline kamen zu mir, als sie 6 und 5 Jahre alt waren. Ich war damals noch in der Ausbildung und wohnte mit meinem Partner Erwin und meinem leiblichen Sohn Sebastian in einer kleinen Wohnung. An den Wochenenden nahm ich die Geschwister, die damals im Heim untergebracht waren, bereits regelmäßig zu mir. Die Beiden hatten ständig Angst, dass ich nicht wiederkommen würde. Immer wieder besuchten wir gemeinsam unser Haus im Kinderdorf, das gerade hergerichtet wurde. Wir suchten Vorhänge aus, die Kinder ihre eigene Bettwäsche – so etwas kannten sie gar nicht. Dann zogen wir ein. Ich weiß noch, dass ich in der ersten Nacht bei jedem Geräusch aufgesprungen bin.

Dennis war damals nur brav, immer freundlich. Erst, als er sich wirklich sicher fühlte, ließ er seine Wut raus und fing auch an, mich zu beschimpfen. Ich musste erst verstehen, dass das ein Kompliment war, ein Vertrauensbeweis. Er hatte viel Ablehnung in den ersten Jahren erfahren, manche Menschen sind ein Leben lang damit beschäftigt, so etwas zu verarbeiten. Ich bin optimistisch: Dennis ist nicht mehr ganz so zornig, langsam wächst sein Selbstbewusstsein. Am schwierigsten ist es für ihn, wenn ich mal nicht da bin, aber hin und wieder muss ich einfach mal ein paar Tage ausspannen. Jetzt am Wochenende wird es wieder so weit sein und wie immer freue ich mich und bin zugleich angespannt. Nächste Woche erzähle ich, ob alles gut gegangen ist.

Bastelanleitung für Strohhühner:
Ich zeichne ein Huhn auf Papier, schneide es aus, und übertrage es auf festen Karton. Pro Kind ein Huhn. Mit einem Blumendraht wickeln wir Stroh oder Heu um den Körper des Papphuhns, den Schnabel und die Füße umwickeln wir mit orangefarbenem Bast. Aus dem Bastelgeschäft besorge ich Wackelaugen, die wir dem Huhn aufkleben. Manchmal stecken wir noch ein paar echte Federn als Schwanz hinein. Die Hühner setzen wir anschließend in ein Nest aus Heu oder Stroh oder wir hängen sie an einem Faden auf.

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Mittags um 12

Ich beginne heute mein Tagebuch um 12 Uhr Mittag in unserer Küche mit Kassler, Püree und Sauerkraut, um von Mario zu erzählen. Ich hätte auch gestern anfangen können mit Spinatspätzle oder vorgestern mit Palatschinken, die Geschichte wäre immer die Gleiche gewesen: Noch bevor die vier Großen aus Schule und Kindergarten kommen, essen die beiden Kleinen, Mario, 2 1/2, und Tobias, 1 1/2. Die beiden Brüder sind erst vor einem halben Jahr zu uns gekommen, in denkbar schlechtem Zustand, wobei ihr wunder Po noch das Geringste war. Beide waren verwahrlost und hatten von ihrer Mutter nur Flüssignahrung bekommen, vorzugsweise Zuckerwasser, sodass Marios Zähne bereits völlig verfault waren. Er neigte dazu, sich selbst zu verletzten, indem er mit dem Hinterkopf gegen die Wand schlug. Mit 2 1/2 Jahren konnte er weder sprechen noch alleine essen.

Mit den Kindern

Deshalb erzähle ich so gerne vom Mittagessen, weil es so ein Vergnügen ist, Mario dabei zuzuschauen. Jedes Essen ist ein Fest für ihn, er freut sich über jeden neuen Geschmack. Fast andächtig piekst er an diesem Mittag das Fleisch mit der Gabel auf, dann etwas Püree und Sauerkraut. „Mmmh“ sagt er und kaut und kaut. Es dauert lange, bis er fertig ist, inzwischen habe ich seinen jüngeren Bruder Tobias längst gefüttert. Aber Mario lässt sich Zeit, er kann wohl auch nicht schneller mit seinen kaputten Zähnchen – bald steht uns der Zahnarzt bevor. Trotzdem lächelt er bei jedem Bissen.

Lange hatten mir die großen Kinder in den Ohren gelegen: „Bitte, Mutti, wir hätten gerne noch ein Geschwisterkind!“ Mein Lebenspartner Erwin und ich hatten auch das Gefühl, dass es passen würde und so entschieden wir Mitte letzten Jahres, noch zwei weitere Kinder aufzunehmen – Bedarf gibt es ja leider ohnehin immer. Mein Chef, unser Kinderdorf-Leiter, suchte daraufhin einige Kinder aus, die in Frage kamen. Als ich sein Büro betrat, lag dort bereits ein Stapel mit Mappen. Ich nahm die oberste und sagte ohne hineinzuschauen: „Diese hier nehmen wir.“ Wenn ich schwanger gewesen wäre, hätte ich mir die Kinder auch nicht aussuchen können!

Bald darauf wurden Mario und Tobias zu uns gebracht. Die großen Kinder rannten an diesem Tag regelrecht aus der Schule zurück, schon am Abend vorher hatten sie das Haus geschmückt. Mario und Tobias waren von dem ganzen Aufmarsch vollkommen überwältigt. Kurz nach ihrer Ankunft begannen die Beiden damit, das ganze Wohnzimmer auszuräumen – ich habe sie gelassen. Irgendwo hatte ich einmal gelesen, dass man sich erst in ein Chaos bringen muss, um sich neu zu ordnen. Tatsächlich waren sie nach zwei Tagen damit durch.

Inzwischen haben sie ihren Platz gefunden. Morgens, wenn die Großen aus dem Haus sind, spiele ich erst eine Stunde mit Mario und dann mit Tobias. Tobias war anfangs furchtbar wütend, wenn einmal sein großer Bruder im Mittelpunkt stand. Das kannte er nicht. Mario dagegen hat die neue Erfahrung gemacht, dass es Zeiten gibt, in denen sich die Welt nur um ihn dreht – er liebt diese Stunde am Vormittag, wir fädeln Perlen auf, machen Steckspiele. Entgegen aller Prognosen hat er bereits große Fortschritte gemacht: seine Feinmotorik hat sich stark verbessert, er kennt die Farben, spricht viel und gerne. Nach und nach hat auch sein selbstaggressives Verhalten nachgelassen, das offenbar vor allem ein Schrei nach Aufmerksamkeit war. Hin und wieder wirft er sich noch auf den Boden, aber auch das nur noch selten, da er nie die gewünschte Wirkung erzielt. Alles in allem: ein guter Start.


DANKE

Nach einem guten Jahr habe ich dieses Weblog abgeschlossen. Ich möchte mich bei allen Lesen und Kommentatoren für die rege Teilnahme und Diskussion bedanken. Die bisher erschienen Einträge werden Sie weiterhin hier finden. Viele Grüße, Alexandra

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