Wenn man sich Dennis so anschaut, traut man ihm diese Zerstörungswut (siehe Eintrag von letzter Woche) kaum zu. Mit seinen großen braunen Augen hat er schon viele Menschen für sich eingenommen. Und zart ist er, viel kleiner als andere 6-jährige Kinder. Wir haben ihn deshalb jetzt untersuchen lassen. Die Spezialisten der ADHS-Klinik wollten ausschließen, dass ein Gehirnschaden dahinter steckt, der auch Ursache für Dennis Auffälligkeiten sein könnte.
Heraus kam stattdessen, dass Dennis in manchen Bereichen die Fähigkeiten eines Zwölfjährigen hat, wenn es zum Beispiel darum geht, logische Aufgaben zu lösen. Das passt zu dem, was ich im Alltag beobachte: Wenn Dennis ein Puzzle zusammenbaut, dann am liebsten verkehrt herum, also mit dem Bild nach unten – und er schafft das problemlos und ziemlich schnell. Auf anderen Ebenen dagegen, im akustischen und im emotionalen Bereich, ergaben die Untersuchungen deutliche Defizite. Auch das entspricht leider meinen Beobachtungen.

Fördern und fordern
Seit der Untersuchung hat sich mein Verhalten gegenüber Dennis deutlich verändert. In der letzten Zeit hatte sich Resignation und Hilflosigkeit eingeschlichen, weil Dennis immer wieder so extrem reagiert hat. Nun, da ich von seinen Fähigkeiten weiß, bin ich wieder viel motivierter und ich suche verstärkt nach Möglichkeiten und Strategien, ihn zu fördern – und zu fordern.
Inzwischen hat sich Dennis auch wieder etwas beruhigt, gerät aber nach wie vor schnell aus dem Gleichgewicht. Gerade in dieser Woche hatte er auch Besuch von seiner Mutter – das Jugendamt hat festgelegt, dass sie ihn einmal im Monat besuchen darf. Für Dennis ist das immer eine emotionale Herausforderung – Freude, Angst, Verunsicherung, viel kommt da zusammen.
Manchmal denke ich nun schon mit Bangen an die Einschulung, die uns in diesem Jahr bevorsteht. Wir haben uns dafür entschieden, dass Dennis die Grundschule bei uns im Ort besuchen soll. Käme er auf eine Sonderschule, hätte ich Angst, dass er unterfordert wäre und erst recht Schwierigkeiten bekäme. Unsere Schule bietet auch einen Montessori-Zweig an, bei dem ja das selbstbestimmte Lernen verstärkt gefördert wird, was ich an sich toll finde. Für Dennis allerdings wäre das gar nichts: Für seine innere Stabilität sind Regeln ganz wichtig.
Stabile Bindungen
Mit seiner zukünftigen Klassenlehrerin habe ich bereits ausführlich gesprochen. Sie scheint klare Strukturen zu haben, ist sehr offen und findet, dass es auf jeden Fall einen Versuch wert ist. Das finde ich auch, und es wäre nicht das erste Mal, dass ich, trotz aller massiven Probleme, von Dennis positiv überrascht würde. Als er damals mit 18 Monaten zu uns kam, war er stark hospitalistisch und die Fachleute bezweifelten, dass er sich überhaupt in einen Familienverbund einfügen können würde. Inzwischen hat er stabile Bindungen aufgebaut und nimmt einen festen Platz in unserer Familie ein. Das ist für mich ein großer Erfolg.
Es war der kleine Dennis, der offenbar randaliert hatte. In kurzer Zeit saßen Erwin und ich im Auto Richtung Kinderdorf, um zu retten, was noch zu retten war – viel war es ohnehin nicht, alle Fische waren tot. Nach ein paar Stunden haben wir uns wieder verabschiedet und versucht, wieder in die Urlaubsstimmung hineinzufinden.
Bei Anna war schon nach wenigen Stunden klar, dass sie zu uns passt. Die Kinder mögen sie und lassen sich von dem frischen Wind, den sie ins Haus bringt, mittreiben. Selbst der kleine Dennis, den alles Ungewohnte schnell aus der Bahn wirft, ist vergnügt – was nicht heißt, dass er nicht versucht, die Grenzen auszuloten und zu schauen, ob Anna nicht Dinge erlaubt, die bei mir garantiert nicht durchgehen. Anna kann damit umgehen. Sie ist sehr klar strukturiert und hat kein Problem damit, sich bei den Kindern Respekt zu verschaffen. Sie hat schon einige Erfahrung mit verlassenen und traumatisierten Kindern, da ihre Eltern als Krisen-Pflegeeltern arbeiten: Wenn ein Kind aus einer Familie genommen wird, kann es einige Tage bis hin zu mehreren Monaten dauern, bis geklärt ist, was mit dem Kind geschieht. Solange lebt es in der Familie von Krisen-Pflegeeltern – keine leichte Aufgabe.
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