Heute Nacht hat Dennis (der kleine) in seinem Bett gesessen und ist vor- und zurückgewippt. Weder er noch ich haben viel geschlafen, und ich bin nun gespannt, wie wir den heutigen, für ihn sehr besonderen Tag meistern werden. Dennis ist am Samstag sechs Jahre alt geworden und heute Nachmittag feiern wir seinen Geburtstag. Er fiebert dem schon lange entgegen, aber gleichzeitig bedeutet so ein Fest auch eine Abweichung vom gewohnten Rhythmus, und wer dieses Tagebuch schon länger verfolgt, weiß, dass Dennis damit immer wieder Probleme hat. Mit der Nacht ging es also los, und heute Morgen hat er sich plötzlich nicht mehr anziehen können.
Ich befürchte nun, dass sich spätestens am Abend seine Anspannung entlädt, was ziemlich heftig sein kann: In solchen Momenten schmeißt er mit Essen oder Spielzeug herum, kichert unentwegt und rennt weg, wenn ich ihn zu mir bitte. Wenn ich versuche, mit ihm zu diskutieren, macht das wenig Sinn. Er meint es nicht böse, aber er bekommt einfach nichts mehr mit. Also gebe ich eher knappe Anweisungen und setze ihn meist getrennt von den anderen Kindern in die Küche, damit er sich beruhigen kann, bleibe aber selbst in seiner Nähe, für den Fall, dass er zum Beispiel auf die Idee kommt, Unterhemden zu zerschneiden. Oder ich setze ihn in die Badewanne, ein Entspannungsbad hat ihm schon oft geholfen.
Mal schauen, wie es läuft. Dennis hat fünf Kinder eingeladen, dazu kommen unsere eigenen sechs. Ich möchte unter anderem mit den Kindern Masken basteln. Wir nehmen Pappteller, und die Kinder können sie mit Ölmalkreide oder Wasserfarbe anmalen, dann stanzen wir mit dem Locher zwei Löcher an die Seiten und ziehen ein Gummiband durch. Das Gute daran ist, dass vom jüngsten Gast, der gerade mal drei Jahre alt ist, bis zum Ältesten mit Elf jedes Kind auf seine Weise mitmachen kann.
Masken aus Papptellern
Anstrengend ist so ein Tag natürlich immer, zumal ich mit den Kindern alleine sein werde. Und ich gebe zu, dass ich zurzeit manchmal ziemlich müde und ausgelaugt bin. Die Kinderdorf-Verwaltung tritt mir auch schon auf die Füße, weil ich noch 50 freie Tage und 90 Urlaubstage vom letzten Jahr offen habe. Letztes Wochenende habe ich es immerhin geschafft, mal frei zu machen. Unsere neue Familienhelferin, die mich ab Februar unterstützen wird (und von der ich nächste Woche mehr erzählen werde), hat schon mal ein Probewochenende mit den Kindern verbracht, und Erwin und ich sind richtig ausgegangen – zum Ball der Unteroffiziere.
Allein der Moment, wo ich in mein Ballkleid geschlüpft bin, war magisch. Ich hatte ein bodenlanges, weinrotes Kleid mit aufgestickten Blumen an, Dekollete und Schal. Als der Tanz eröffnet wurde, kam einer der Offiziere genau auf mich zu, so dass ich plötzlich diejenige war, die den Eröffnungstanz absolvieren durfte. Wem muss ich sagen, dass man sich da gleich ganz anders fühlt?
Die Feier steht bei den Kindern hoch im Kurs. Traditionell versammeln sich alle Kinderdorf-Familien am Faschings-Dienstag – wieder einmal – bei uns im Garten und essen Gulaschsuppe. Die Kinder stehen dann schon in den Startlöchern und warten darauf, ihren Spielerpass zu bekommen und loslegen zu dürfen. Die pädagogischen Mitarbeiter unseres Dorfes bauen jedes Jahr einen Parcours mit verschiedenen Stationen auf. Da geht es um Geschicklichkeitsspiele oder Rätsel, mal müssen die Kinder ein Ei auf dem Löffel balancieren, mal eine Schneeskulptur bauen. Auch unsere Kostüme haben wir schon lange festgelegt, ich hatte sie im letzten Sommer von unserer Ägypten-Reise mitgebracht: Angefangen beim kleinen Tobias bis hin zu meinem Partner Erwin würden die Männer unserer Familie als Scheich und Jacqueline und ich als Tänzerinnen verkleidet sein. (Die Fotos von Tobias und Mario sind noch vom letzten Jahr) All das wollte Dennis natürlich auf gar keinen Fall verpassen, aber genauso wenig wollte er die Oma enttäuschen. Also hat er sich überlegt, dass doch einer der drei pädagogischen Mitarbeiter des Kinderdorfs mit der Oma sprechen könnte. Die Pädagogen sind in viele wichtige Entscheidungen eingebunden, weshalb ich es nur positiv finde, dass die Kinder so einen guten Draht zu ihnen haben. Wenn ich zum Beispiel der Meinung bin, dass ein Kind eine Förderung oder eine Therapie braucht, stellt der pädagogische Mitarbeiter, der für unsere Familie zuständig ist, den Antrag. Er ist auch bei den regelmäßigen Hilfeplanüberprüfungen dabei, wenn die Entwicklung des Kindes zusammen mit den leiblichen Eltern besprochen wird, und er ist jederzeit ansprechbar, wenn eine Mutter ein Problem mit einem Kind hat – oder ein Kind mit einer Mutter.
Fasching ohne schlechtes Gewissen

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