Die Vorzeichen waren da, aber ich habe sie mit viel Geschick übersehen: Seit ein paar Wochen schon ging es mir nicht gut, ich war angestrengt, mal tat hier was weh, mal dort. Naja, und dann habe ich diesen blödsinnigen Schub bekommen: Gelenksentzündung mit Fieber, ziemlich schmerzhaft, und so bin ich das erste Mal in meinen sieben Jahren als Kinderdorf-Mutter krankheitsbedingt ausgefallen. Der Arzt hat mir strenge Ruhe verordnet, und ich bekomme täglich Infusionen. Eine ganze Woche habe ich nun im Bett gelegen, aber nicht in unserem Familienhaus im Kinderdorf, sondern in meiner kleinen Wohnung in der Stadt. Es gibt dort ein Heim für SOS-Kinderdorf-Mütter im Ruhestand, das aber nicht voll belegt ist, und einige von uns Müttern haben die Möglichkeit genutzt, dort günstig einen Rückzugsort zu mieten – ohne den geht es nicht: Ich habe schon mal versucht, meine freien Tage im Kinderdorf zu verbringen. Da saß ich dann auf der Terrasse mit einem Buch in der Sonne, aber natürlich liefen die Kinder nicht zur Familienhelferin, sondern zu mir, wenn etwas war, und nach kurzer Zeit war ich wieder mitten im Geschehen.
Der Arzt wollte, dass ich noch eine weitere Woche im Bett bleibe, aber das habe ich nicht geschafft: Im Kinderdorf lief das Notfallprogramm, das heißt, wechselnde Helferinnen betreuten die Kinder. Sie machen ihre Sache sehr, sehr gut, aber immer öfter forderten die Kinder mich ein: Jacqueline sollte längst den Zahnarzt besuchen, aber das geht offenbar „nur mit der Mutti“, Mario muss zum Impfen – ebenfalls nur „mit Mutti“ vorstellbar, und allesamt wollten sie ihre große Halloween-Feier am heutigen Nachmittag ausfallen lassen, wenn ich nicht dabei sein würde. (Ich denke nicht, dass sie das durchgehalten hätten, aber ich war trotzdem beeindruckt!) Meine Alarmglocken läuteten schließlich, als ich hörte, dass der kleine Dennis seit einigen Tagen nachts einnässt – das hat er noch nie gemacht, seitdem er die Windeln abgelegt hat.
Hexen, Vampire und Skelette
Also habe ich gestern Abend meine Sachen gepackt und bin zurück ins Dorf gefahren. Die Kinder haben gejubelt. Als sie im Bett waren, habe ich noch die Muffins für das Gruselbuffett gebacken, während im Wohnzimmer der Fernseher lief: Sebastian und einige andere Kinder seines Fußballvereins durften die Mannschaften von Red Bull Salzburg und Rapid Wien aufs Spielfeld begleiten, Sebastian hat seit Tagen von nichts anderem gesprochen, und da das Spiel life übertragen wurde, musste ich natürlich zuschauen. Da lief mein Sohn tatsächlich ein, Seite an Seite mit seinem großen Idol, dem Torwart Timo Ochs – was für ein Ereignis!
So, und nun drängeln sich bereits ein Mädchen und fünf Jungen vor der Tür, die endlich Hexen, Vampire und Skelette werden wollen, und auch Erwin, mein Partner, muss noch geschminkt werden, er ist fürs Gruselkabinett eingeteilt. Das Kinderdorf hat mich wieder.

Jedes Kind geht anders damit um, aber es gibt doch bestimmte Stadien, die typisch sind: Am Anfang will man einfach nicht wahrhaben, was da passiert ist, danach kommt oft eine große Wut, die irgendwann in Resignation übergeht, verbunden mit Schuldgefühlen. Es ist wichtig, diese Gefühle aufzuarbeiten. Wenn die Kinder zum Beispiel sehen, dass ich um meine Angehörigen trauere und mich auch nicht schäme, wenn mir die Tränen kommen, erfahren sie, dass es in Ordnung ist, traurig zu sein. Wir werden auch das Familiengrab von Erwin besuchen, in dem seine Mutter begraben ist, die vor zwei Jahren gestorben ist und die meine älteren Kinder noch gekannt haben. „Hast du weh?“, hat mich neulich der kleine Mario in einer ähnlichen Situation gefragt, und ich habe versucht, ihm zu erklären, dass es ein großer Verlust ist, wenn jemand geht und dass man ruhig weinen darf.
Neueste Kommentare